Der 57-Jährige Parteilose ist Oberhaupt einer Kommune, in der Bundeskanzlerin Angela Merkel aufwuchs und wo noch heute ihre Eltern wohnen. Hollywoodstar Rupert Everett will hier eine Ferienvilla kaufen. Doch nach zwei brutalen Gewalttaten Rechtsextremer, die ein Opfer töteten und eines schwer verletzten, ist Templins Ruf plötzlich arg lädiert.
"Die Brutalität der Taten ist unfassbar", sagt der Sozialarbeiter Frank Wolter im Obachlosenwohnheim "Rettungsinsel". Dort saßen am Abend des 21. Juli auch Täter und Opfer zusammen. "Beide waren seit Wochen Saufkumpane." Als der Heimleiter sie schließlich wegen Trunkenheit hinauswarf, gingen sie in die ehemalige Werkstatt des 55-jährigen Tischlers. Dort kam der zweite Täter hinzu, und dann schlugen die beiden 18 und 21 Jahre alten Rechtsextremen zu. Ihr Opfer erlitt mehrere Schädelbrüche und starb an den schweren Verletzungen. Seine Peiniger versuchten noch, den Mann anzuzünden (die RUNDSCHAU berichtete).

Große Gewaltbereitschaft
"Das war aber keine Nazi-Tat, die waren einfach völlig bescheuert und betrunken", sagt Wolter. Dass Templin nun als Neonazi-Hochburg gelte, könne er nicht verstehen. Tatsächlich spielt rechtes Gedankengut in der Uckermark zumindest auf dem Papier kaum eine Rolle. Die Kameradschaft "Märkischer Heimatschutz" sei Ende 2006 aufgelöst worden, sagt der Anti-Rechts-Experte Jürgen Lorenz vom "Mobilen Beratungsteam" in Angermünde. Bei Wahlen erhielten NPD und DVU kaum Stimmen.
Dennoch warnt Lorenz eindringlich: "Die rechte Gewalt ist in Templin nicht organisiert, aber die Gewaltbereitschaft ist sehr groß." Einige Einwohner seien "tickende Zeitbomben". Eine von ihnen zündete am vergangenen Dienstag: Da schubste ein 19-Jähriger einen vorbeifahrenden Radfahrer zu Boden. Anschließend trat er ihm ins Gesicht, so dass der Kiefer des 16-Jährigen, der Hip- Hop-Kleidung trug, brach. Auf der Polizeiwache gab der Angreifer später an, er sei "ausgetickt".
"An solche Menschen kommen die besten Sozialarbeiter nicht ran", sagt der Superintendent der Evangelischen Kirche Templin, Uwe Simon. Die Bedrohung durch Rechte sei im Stadtbild nicht offensichtlich, Hakenkreuz-Schmierereien an Wänden seien hingegen keine Seltenheit.
Nach den beiden Gewalttaten kam es zwischen Potsdamer Innenministerium und Stadtverwaltung zu gegenseitigen Vorwürfen von Untätigkeit beziehungsweise mangelnder Kommunikation. Auch Sozialvereine kritisierten Schoeneich. Der lasse "ein Problembewusstsein vermissen", sagt Johanna Kretschmann vom Verein "Opferperspektive", der während der vergangenen zwölf Monate zehn rechte Gewalttaten zählte. Kretschmann: "Damit nähert sich die Kleinstadt Templin den Zahlen von Städten wie Cottbus oder Potsdam."

Untätigkeit zurückgewiesen
Rathaus-Chef Schoeneich lässt den Vorwurf der Untätigkeit hingegen nicht gelten. Er habe von dem Problem gewusst, wenn auch nicht von dessen Ausmaß. Die Stadt unterhalte zwei Sozialvereine mit viereinhalb Stellen. "Mehr können wir einfach nicht zahlen", meint der ehemalige Sozialdemokrat, der "vor vier, fünf Jahren" aus der SPD austrat und noch bis 2010 als Bürgermeister gewählt ist.
In dem Konflikt stehen die Zeichen inzwischen auf Entspannung. Für Anfang September sei eine interne Aussprache zwischen Stadtverordneten, Verfassungsschutz und Polizei geplant, sagt Schoeneich. "Einmischung von außen" lehne er jedoch ab. Deshalb hält er nichts von der für nächste Woche geplanten Podiumsdiskussion des uckermärkischen CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Koeppen über die Lage der Stadt. Ein Benefizkonzert gegen rechte Gewalt am kommenden Samstag werde hingegen von der Stadt unterstützt.
Dass die 17 500 Einwohner-Stadt nun als Rechten-Hochburg in den Medien sei, sei "ein großes Imageproblem". Das schade dem Tourismus, der bei 300 000 Übernachtungen 2007 enorm wichtig sei. Dann erzählt Schoeneich von seiner schwangeren Tochter. Die sei mit einem Schwarzen aus Nicaragua liiert. "Mein Enkel wird dunkelhäutig sein", sagt er. "Ich bin ganz sicher, dass er ohne Gefahr durch Templin gehen wird."