Ausreichend Stoff, so glauben die NS-Ermittler, um den in den USA lebenden, aber ausgebürgerten 88 Jahre alten Demjanjuk der Beihilfe zum grausamen Mord an 29 000 Juden im Vernichtungslager Sobibor (Polen) 1943 zu überführen. Davon sind der Leiter der weltweit größten NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg, Kurt Schrimm, und auch Eli Rosenbaum, Chef der US-Sonderermittlungsbehörde für NS-Verbrechen (Osi), überzeugt. Doch die Münchner Justiz - wo der Fall Demjanjuk seit der Übergabe des Vorermittlungsverfahrens angesiedelt ist - will laut Schrimm weitere Unterlagen. "Wir sind nach wie vor der Auffassung, dass das Material für eine Anklage gegen den 88-Jährigen ausreicht." Schrimm warnt vor einem zweiten Drama. "Dies kann sich die Welt nicht mehr leisten. Demjanjuk ist alt. Jeder Tag zählt." Jede weitere zeitliche Verzögerung birgt nach Schrimms Auskunft die Gefahr, dass den deutschen Ermittlungsbehörden wieder die Note "mangelhaft" für die Strafverfolgung ehemaliger Nazis gegeben wird.Besonders Rosenbaum befürchtet eine weitere Schlappe: Schließlich steht Demjanjuk für die größte Niederlage des US-Sonderdezernats. Demjanjuk, vom Osi als "Iwan der Schreckliche" im KZ Treblinka angesehen und an Israel ausgeliefert, wurde dort 1993 in einem zweiten Verfahren freigesprochen. Daraufhin kehrte er in die USA zurück. Rosenbaum trieb weitere Unterlagen ein, die dazu führten, dass dem Ukrainer 2008 die US-Staatsbürgerschaft aberkannt wurde. Die Münchner Justiz indes beharrt auf einer gründlichen Aufarbeitung des Falls - sie hat kein Interesse am Scheitern eines eventuellen Prozesses. Bevor ein Haftbefehl gegen Demjanjuk beantragt werden und ein Auslieferungsersuchen folgen könne, müsse "sauber gearbeitet" werden, betont ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Wir sind es gewohnt, sauber zu arbeiten und wollen vermeiden, dass im Rahmen des Prozesses Beweisprobleme auftauchen, die bereits im Vorfeld hätten geklärt werden können." Das bayerische Landeskriminalamt überprüft derzeit Demjanjuks SS-Dienstausweis - obwohl die Ludwigsburger drei neue Gutachten haben, die zweifelsfrei die Echtheit des Dokuments beweisen sollen. "Der Ausweis ist von drei US-Sachverständigen auf Herz und Nieren geprüft worden", versichert Schrimm. Es stehe fest, dass Demjanjuk zu den Trawniki gehörte, einer Schar von "Hilfswilligen". Diese baltischen oder ukrainischen Leiharbeiter - ausgebildet im SS-Lager Trawniki bei Lublin - machten für die Nazis die Drecksarbeit. Zudem stellte die Münchner Staatsanwaltschaft ein Rechtshilfeersuchen nach Israel: "Wir suchen noch Zeugen, die aussagebereit sind", sagt ein Sprecher. Schrimm sieht die Arbeit der NS-Verfolger diskreditiert. "Wir ermitteln nach denselben Grundsätzen." Demjanjuk lebt heute in Ohio. Seinem Anwalt zufolge ist er nicht vernehmungsfähig. Experten gehen davon aus, dass der Ukrainer Iwan Marchenko "Iwan der Schreckliche" war. "Bereits während des Israel-Prozesses lag eine Vielzahl von Hinweisen vor, die Demjanjuks Einsatz als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor belegten", sagte Schrimm. Das damalige Auslieferungsersuchen an die USA sah aber nur eine Strafverfolgung wegen mutmaßlicher Treblinka-Vergehen vor, so dass Demjanjuk wegen Sobibor kein neuer Prozess gemacht werden konnte.