Die Leiterin des Informations- und Designzentrums für Spitzen-, Stickerei- und Textilindustrie Plauen (IDZ) verfügt über einen einzigartigen Fundus vogtländischer Spitzen aus einem Zeitraum von fast 100 Jahren, seit die maschinengefertigte Tüll- und Ätzspitze ihren Siegeszug antrat. Um diese für die Nachwelt zu erhalten und nutzbar zu machen, wurde 1998 mit einem Projekt begonnen, dessen Ende nicht abzusehen ist: der digitalisierten Erfassung der Spitzenmuster in einer Datenbank.
"Die historischen Spitzen genießen große Wertschätzung. Zunehmend besteht der Wunsch, sie nachzugestalten. Zurzeit ist dreidimensionale Spitze im Trend, die eine vogtländische Firma auch produzieren will", sagt Schad. Bisher wurde in Plauen ein Zehntel von rund 250 000 Spitzenmustern erfasst. Per Tastendruck am Computer erhalten Designer so Informationen zu deren Vielfalt und zur Fertigungstechnologie. Patent- oder musterschutzrechtliche Probleme der Nachnutzung gibt es nicht. Die Spitzenmustersammlung, die das IDZ verwaltet, ist Eigentum der Stadt Plauen.
Eher steht die Frage, wie es mit dem ehrzgeizigen Projekt weitergeht. Bisher haben pro Jahr zwei Leute in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) daran gearbeitet. Derzeit sei die Finanzierung weiterer ABM jedoch nicht gesichert. "Unsere Hoffnung ruht jetzt darauf, im Rahmen des ostdeutschen Textil-Innovationsnetzwerkes INNtex eine Förderung durch die EU zu erlangen", sagt Schad.
Der INNtex e.V. fasst auch die Digitalisierung der etwa 1100 Stoffmusterbücher des Sächsischen Staatsarchivs Chemnitz und von historischen Seidentapeten der Seidenweberei Eschke Crimmitschau ins Auge. INNtex-Geschäftsführer Rainer Merkel hält die Erfassung solcher wertvoller Zeugnisse sächsischer Textilkunst für Gewinn bringend mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der Branche.
Jedoch räumt auch Merkel ein, dass für die Aufarbeitung von Millionen Mustern keine Mittel zur Verfügung stehen. Ähnlich sieht es Katharina Metz, die Leiterin der Textil- und Kunstgewerbesammlung Chemnitz. In ihrem Fundus lagern tausende Künstlerentwürfe von Stoffen aus Italien, England oder Frankreich, die als Vorbildersammlung den sächsischen Industriellen im 19. Jahrhundert als Ideengeber dienen sollten. "Sicher wäre es reizvoll, aber die virtuelle Aufbereitung ist so teuer, dass sie sich kein Museum der Welt leisten kann. Die Vorlagen müssen von Fachleuten analysiert werden: Material bestimmen, Fäden zählen, Bindungsart, Fadendrehung beschreiben", zählt Metz auf.
Laut Metz hat es bislang in Europa nur wenige Ansätze in dieser Richtung gegeben, so im französischen Mulhouse. Studenten hätten dort über Jahre an einem von tausenden Musterbüchern gesessen. Lediglich die Fondazione Ratti, eine private Stiftung in der Seiden-Hochburg Como, stelle ihre edlen Muster bereits in einer Datenbank zur Verfügung.
Annegret Wenz-Haub-fleisch, die Chefin des Chemnitzer Staatsarchivs, ist eher der Auffassung, dass Computerbilder den Designern zwar als Anregung dienten, aber das Anfassen, das Fühlen eines Textils eine ebenso große Rolle für die Schaffung von Neuem spiele. So können die textilen Schätze für Studien-, Forschungs- und Entwurfszwecke weiter in ihrer stofflichen Form genutzt werden.
Informationen im Internet www.inntex.de