Von einem ersten Termin bei der vom gemeinnützigen Verein Tannenhof Berlin-Brandenburg betriebenen Suchtberatungsstelle Cottbus erhofft sich die Mutter nun Hilfe und dass ihr Sohn die Kraft zum Ausstieg aus der Sucht findet. Die Chance dazu bestehe, sagt Sozialbetreuer Steffen Hohnke. „Allein kommen die wenigsten aus diesem Teufelskreis heraus. Sie müssen sich eingestehen, dass sie Hilfe brauchen und diese auch annehmen wollen.“Spieler verdrängten ihre seit 2001 als Krankheit anerkannte Sucht besonders lange, hat Hohnke beobachtet. Anfangs rühmten sie sich mit dem schnellen Gewinn und wollten den Kick durch das Glücksspiel immer öfter erleben. „Erst wenn sie fast alles verspielt haben, suchen sie Hilfe“, sagt Hohnke. Alle zwei Wochen treffen sich Spielsüchtige in der Cottbuser Beratungsstelle. Sie ist als einer von bisher sieben Brandenburger Modellstandorten auf die Beratung Betroffener spezialisiert. Sechs Stellen kommen nach Worten von Ines Kluge, Landessuchtbeauftragte, in diesem Jahr hinzu. Damit werde Brandenburg über gut entwickelte Betreuungsstrukturen verfügen.

Lesen Sie auf Seite 2: Mehr als 3000 Brandenburger krankhaft spielsüchtig.
Älteren Erhebungen zufolge gelten mehr als 3000 Märker als krankhaft spielsüchtig. Die tatsächlichen Fallzahlen lägen mit Sicherheit höher, sagt Kluge. Genauerer Aufschluss über die Ausbreitung der Krankheit werde mit der Auswertung des Modellprojekts „Frühe Intervention bei pathologischen Glücksspiel“ 2011 erwartet. Koordiniert wird es über die 2008 gegründete Brandenburger Zentralstelle für Glücksspielsucht.

An Spielsucht erkranken laut Kluge vor allem Männer. Vertreten seien alle Bevölkerungsschichten – und besonders häufig suchten die Betroffenen den schnellen Kick am Automaten oder am Roulettetisch, sagte sie. Für viele seien auch Online-Rollenspiele oder andere Internetspiele verführerisch. Diese Spiele setzten im menschlichen Gehirn die gleichen Prozesse in Bewegung wie andere Suchtmittel. Ausschlaggebend seien immer die relativ schnelle Entlastung vom sogenannten Suchtdruck durch biochemische Prozesse im Organismus. Betroffene müssten sich auf eine harte Therapie einstellen, die je nach Schweregrad der Erkrankung ambulant oder stationär laufe.

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Mit dem Modellprojekt solle das Problem auch stärker publik gemacht werden. Bislang sei die Zahl der Spielsüchtigen, die sich an die vom Paritätischen Sozial- und Beratungszentrum getragene Sucht-und Drogenberatungsstelle Frankfurt (Oder) wenden, verschwindend gering, sagt deren Leiter Stefan Hellert. Spielsüchtige müssten oft eine höhere Schamschwelle überwinden als etwa Drogenabhängige. Dabei kann die Krankheit jeden treffen, wie der Psychologe erläutert. „Es gibt keine Suchtpersönlichkeit.“ Das Spiel bereite den Betroffenen Lust, Handlungsabläufe automatisierten sich rasch und es wachse der Wunsch, weiterzumachen. Als Symptome nennt Hellert Kontrollverlust, Suchtdruck und Entzugserscheinungen.

Wenn ein Betroffener Hilfe suche, werde ihm meist auch gleich ein Termin bei der Schuldnerberatung vermittelt, sagt Marita Janoska, Suchtberaterin bei der Beratungsstelle für Abhängigkeitskranke des medizinisch-sozialen Zentrums Uckermark in Templin (Uckermark). Zugleich werde die emotionale Aufarbeitung der Sucht in Angriff genommen. Spielsüchtige neigten oft zur Bagatellisierung. „Wenn das Haus oben schon brennt, wohnen die unten noch drin.“ Eine stärkere Aufklärung über das Krankheitsbild hält auch Janoska für nötig. Dass Alkoholismus eine Krankheit ist, sei inzwischen viel mehr in der Öffentlichkeit akzeptiert als vor einigen Jahren. Damit herrsche auch größere Offenheit als bei „verborgeneren Süchten“ wie der Spielsucht.