Die Wissenschaftlerin befragte zusammen mit früheren Studenten viele Brandenburgerinnen, die im Einzelhandel arbeiten und in „prekären“ Verhältnissen leben – in befristeten, schlecht bezahlten Teilzeit oder Leiharbeitsverhältnissen. Sie sollten über ihre Lebenssituation, ihre Zukunftspläne und ihre Partnerschaften Auskunft geben.

„Ein wichtiges Thema, denn die Zahl dieser unsicheren Arbeitsplätze nimmt zu“, stellte die Soziologin im Rahmen eines Vortrags an der Cottbuser Universität fest. Zwischen 1997 und 2007 sei der Anteil dieser „atypischen Arbeitsverhältnisse“ im Bundesgebiet von 17,5 auf 25,5 Prozent gewachsen – mit deutlich steigender Tendenz. „Der Markt nutzt hier die Situation der Arbeitsuchenden aus“, so die Soziologin. Sie erzählte von Frauen, deren Leben sich durch die neuen Arbeitsstrukturen völlig verändert hat.

Von Martina Jank* zum Beispiel, 54 Jahre, die täglich 5,5 Stunden an der Kasse sitzt und monatlich 960 Euro nach Hause bringt. Ihr gleichaltriger Mann ist schon lange ohne Job, er bekommt 140 Euro Hartz IV. „Das konnte man sich zu DDR-Zeiten gar nicht vorstellen“, sagt sie, dass man als Frau als Familienoberhaupt die Familie ernähren müsse, und der Mann zu Hause bliebe.

Verteilung der Rollen

Es ist also nicht nur das Geld, das in prekären Beschäftigungsverhältnissen zum Problem wird, es ist auch die Rollenverteilung in der Ehe.

Während Frau Jank zur Arbeit fährt, muss ihr Mann sich um Einkauf und Haushalt kümmern. Sie sagt: „Mir persönlich gibt er schon Kraft, indem er da ist, indem er sich mein Reden anhört, wenn ich nach Hause komme.“ Hinter ihren Worten aber klingt eine Sehnsucht mit nach dem, was früher war.

Bei den Janks besteht wenig Hoffnung auf Veränderung, ihre Berufsperspektiven sind ausgereizt. Die Statistiken zeigen: Die große Mehrheit (71 Prozent) der Beschäftigten ohne Normalarbeitsverhältnis sind Frauen, zumeist sind sie jung und stehen am Beginn ihrer Berufslaufbahn. Die Filialleiterin Katharina Lauk* etwa, die 1030 Euro im Monat verdient. Ihr Vertrag ist nur auf ein Jahr befristet, danach muss sie sich neu beweisen. Scheitert sie, rutscht sie zurück auf die Stufe ihrer Kolleginnen – die arbeiten auf 400-Euro-Basis.

Ein Kind hätte die 28-Jährige gern. „Aber dafür muss ich aus diesem Beruf raus und etwas ganz anderes machen, hier geht das nicht“, sagt sie. Andere Verkäuferinnen, die Susanne Völker in ihrer Studie befragt hat, sprachen von 350-Euro-Löhnen – für eine Vollzeitstelle. Auch sie könnten niemals von ihrem Geld leben oder gar ein Kind ernähren.

Forderung nach Mindestlohn

Martina Münch, SPD-Abgeordnete im Potsdamer Landtag, zeigte sich von derartigen Schicksalen sichtlich betroffen. „Wir brauchen ganz dringend einen Mindestlohn für alle Bereiche“, wiederholte sie eine Forderung ihrer Partei.

Zusätzlich gab sie allen jungen Frauen und Männern den Rat, sich um eine gute Bildung zu bemühen, um nicht von Niedriglohnjobs abhängig zu werden. Allerdings zeigt die neuere Arbeitsmarktforschung: Qualifizierte Berufsabschlüsse schützen vor Arbeitslosigkeit, nicht aber vor unsicheren, brüchigen und schlecht bezahlten Beschäftigungsformen.

Ingolf Fechner, Gewerkschaftssekretär Nahrung, Genuss, Gaststätten: „Es gibt bei den Löhnen keine Grenze mehr nach unten. Durch die hohe Arbeitslosigkeit ist der Druck enorm, jede angebotene Stelle anzunehmen. Und wie will man von 1000 Euro brutto, die Gastronomieunternehmen der Region zahlen, noch anständig leben?“

* Namen geändert