In der digitalen Welt erscheinen Sonnenuhren wie ein romantisches Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Kaum jemand orientiert sich wohl noch an ihnen, um zu erfahren, was die Stunde geschlagen hat. Moderne Menschen betrachten die nostalgisch anmutenden Zeitmesser heute eher als schönen Schmuck an Gebäuden und Plätzen. Allein 32 davon lassen sich in Taubenheim (Landkreis Bautzen) an der sächsisch-tschechischen Grenze bestaunen.

Der Ortsteil von Sohland wirbt deshalb längst als Sonnenuhrendorf für sich - und das inzwischen auch grenzüberschreitend. Ein von der EU gefördertes Projekt half der Gemeinde, stärker auf die farbenfrohen Schmuckstücke an Häuserecken und Giebeln aufmerksam zu machen. "Seit 2012 hat Sohland knapp 15 000 Euro dafür erhalten", berichtet Christine Herold von der Tourist-Information. So war es möglich, einen thematischen Rundweg in Taubenheim auszuschildern und vor jeder Sonnenuhr eine Hinweistafel aufzustellen. Alle Informationen erschienen auf Deutsch und Tschechisch.

Auch ein zweisprachiges Faltblatt gibt Auskunft. In der Regel hat jede Sonnenuhr einen direkten Bezug zu dem Gebäude, an dem sie hängt. Das Kunstwerk am Karasekhaus etwa lässt den Passanten wissen, dass dort der berüchtigte Oberlausitzer Räuberhauptmann Johannes Karasek auf seinen Beutezügen Unterschlupf für amouröse Abenteuer gefunden haben soll. Der markante Kopf eines Feuerwehrhauptmanns in Uniform ziert die Sonnenuhr "Bei Schenksliebs". Bezeichnungen wie "Niedermühlenuhr", "Beim Hohlfeldtischler" oder "A dr Bleche" (An der Bleiche) verweisen auf die frühere Nutzung des Hauses, an dem die Unikate hängen.

Der Leidenschaft eines Mannes ist es zu verdanken, dass der idyllisch gelegene Ort an der Spree seit den 1970er-Jahren zu einer Vielzahl an Sonnenuhren kam. "Der Grafiker Martin Hölzel (1908-1994) erhielt seinerzeit den Auftrag, die älteste Sonnenuhr des Dorfes zu restaurieren", erzählt Christine Herold. Der Klassiker vom Ende des 18. Jahrhunderts hing an der früheren Goldschmiede des Ortes. Der Taubenheimer vertiefte sich dabei in die Gnomonik, wie die Lehre von der Sonnenuhr genannt wird. Offensichtlich war Hölzel so fasziniert davon, dass er allein zehn Sonnenuhren für den Ort entwarf.

Nach seinem Tod setzten der Leiter der Sohlander Sternwarte, Wolfgang Knobel, und der Grafiker Peter Domschke das Werk fort, ebenfalls mit dem Anspruch, exakt funktionierende Zeitmesser zu konstruieren. "Die manuelle Berechnung einer Uhr dauert einen ganzen Tag", sagt Domschke. Heutzutage helfen jedoch Computerprogramme bei der komplizierten Prozedur.

Auch in der Gestaltung bedient sich der Grafiker längst moderner Mittel. Die Motive lässt er auf Hochleistungsfolie drucken, um die jeder Witterung ausgesetzten Uhren haltbarer zu machen. Domschkes jüngstes Werk schmückt seit Juni den Kindergarten von Taubenheim.

Überhaupt hat sich die Zahl der Sonnenuhren im Dorf seit zwei Jahren von 25 auf 32 erhöht. Die Chefin der Tourist-Information spricht von einer "Initialzündung". Eine ortsansässige Edelstahlfirma etwa legte sich in diesem Frühjahr die vierte Sonnenuhr zu. "Wir steigern die Attraktivität des Ortes und profitieren im Gegenzug von seinem guten Ruf", sagt Geschäftsführer Norman Schmitt.

Mit seinem Markenzeichen gehört Taubenheim seit 2011 der Initiative "Urlaub in Sachsens Dörfern" an. 20 Orte bilden das deutschlandweit einmalige Netzwerk. "Sachsen ist das erste Bundesland, das gezielt für Dorfurlaub wirbt", sagt Udo Delinger von der Tourismus-Marketing-Gesellschaft des Freistaates. Jedes Dorf hebe sich mit einem eigenständigen Thema von anderen ab, etwa das Schmiededorf Frohnau im Erzgebirge, das Raumfahrtdorf Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland oder das Elbweindorf Diesbar-Seußlitz.

Für Taubenheim ist die Außenwirkung längst spürbar. "Ich bekomme ganz gezielte Anfragen", sagt Christine Herold. In der zweiten Phase des EU-Projektes soll nun ein Sonnenuhrenkatalog entstehen. Zeitmesser dieser Art gebe es schließlich auch in Sohland, Wehrsdorf und auf tschechischem Gebiet. "Ich bin mir sicher, dass wir noch mehr finden", sagt Herold.

Mehr Informationen finden Sie unter: www.sachsens-

doerfer.de/