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Tanzende Socken und rockende Knackis

FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Knackis, Feen, Steinzeitmänner, Prinzen und Prinzessinnen haben sich am Samstag zum großen Stelldichein des Lausitzer Karnevals getroffen. In der Cottbuser Stadthalle steppte der Adler mit einem zweistündigen Programm mit Tanz, Gesang und Bütt, das vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) aufgezeichnet wurde. Lydia Schauff

Das Blümchen vom "Blümchen" ist abgefallen. Erste Anlaufstellen für das Karneval-Urgestein Wilfried Hillebrand vom Gaglower Carneval Club sind in solchen Notfällen Uljana Richter und Conny Kühl. Schließlich muss später für die Aufzeichnung der RBB-Karnevalsgala "Heut' steppt der Adler" alles tipptopp sein. Die beiden Näherinnen haben ein Sammelsurium an Knöpfen, Pailletten, Druckknöpfen, Garn und Schmucksteinchen dabei, um die Kostüme von den Karnevalisten wieder auf Vordermann zu bringen, wenn etwas gerissen oder abgegangen ist. "Wenn es sein muss, ziehen einem die Damen auch einen neuen Schlüpfergummi ein", witzelt Blümchen, dessen Sonnenblümchen Uljana Richter ruckzuck wieder am Revers seines Jacketts befestigt hat. "Wir machen eben alles, was anfällt", bestätigt Uljana Richter und verrät: "Ich habe für den Fall der Fälle auch einen Notschlüpfer und Socken dabei."

Seit mittlerweile fünf Jahren begleitet sie als Näherin die Karnevalsgala, ihre Kollegin Conny Kühl seit drei Jahren. Die Arbeit mit Karnevalisten? Macht beiden Spaß. Denn die Narren seien entspannt, fröhlich und vor allem sehr dankbar für jede Reparatur, allein deshalb, weil viele von ihnen selbst viel Arbeit und Zeit in das Nähen ihrer Kostüme stecken.

Auch in der Maske nebenan herrscht Betrieb. Die Generalprobe ist gerade vorbei. Jetzt muss für die Aufzeichnung in zwei Stunden nachgepudert, nachgeschminkt werden, und die Frisuren müssen sitzen. Vier Maskenbildnerinnen stehen dafür bereit. Prinzessin Caro I. vom Großräschener Carneval Club bekommt gerade ihre Haare gesteckt. Zum Karneval sei sie gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde. Hatte sie vorher mit Karneval nicht viel am Hut, war sie, eh sie sich versah, nicht nur frisch verliebt in Martin, sondern auch ganz frisch im Amt als Karnevalsprinzessin. "Die Idee kam beim Sommerfest. Ich habe sie gefragt, ob sie mitmacht, und sie hat Ja gesagt", erzählt Martin Jedrzejczak alias Prinz Moppe I.

Das Dasein als Prinzenpaar bringe viel Spaß, sei aber auch ganz schön anstrengend. Bei den eigenen Festen, bei den Festen befreundeter Karnevalclubs, überall sei man dabei. "Ich nehme mir Urlaub zwischen den zwei heißen Wochenenden vorm Faschingsdienstag", so Moppe I.

Während Prinzessin Caro frisiert wird, wird Frank Czepok, ebenfalls ein Lausitzer Karneval-Urgestein und seit 27 Jahren Präsident vom Karneval Verband Lausitz (KVL), gepudert. "Erna hat mich erwischt. Der Knutschfleck hier muss weg. Ich muss ja am Anfang noch seriös wirken", sagt er schmunzelnd.

Verbunden ist Czepok dem Karneval seit 33 Jahren, war vor dem KVL Präsident der 1990 gegründeten Cottbuser Interessengemeinschaft Fasching. Ob er irgendwann mal aufhören will? "Im April wird das neue Präsidium gewählt. Ich gucke mir mal die Kandidaten an, dann entscheide ich mich. Wenn da jemand Ordentliches dabei ist, dann höre ich auf", sagt Czepok.

Ein paar Türen weiter bringen Ellen Mastow, Juliane Dubrau, Stefanie Kappel und Jule Skorna vom Schorbuser Karneval Club ihre Socken in Form. Die Haare werden gekämmt, die Augen gerichtet. Denn gleich haben die Socken an den Füßen der vier Mädchen ihren großen Auftritt, als Socken-Band. "Ich hatte eine Idee für einen Geburtstag gesucht und bin darauf gestoßen. Bei unserem Publikum kommt das super an", sagt Jule Skorna. Um die Socken-Band mit Leben zu erwecken, verstecken sich die Mädchen hinter einer Leinwand. Halb liegend auf Stühlen stecken sie ein Bein, das den Kopf bildet, und zwei Hände, die in Hemden stecken, als Arme nach vorne durch einen schwarzen Vorhang. Und das nicht ganz folgenlos: So bekämen die Vier nach ihrem Auftritt wahlweise Muskelkater im Hüftbeuger, im Po oder im Fuß. Ach, und dann wäre da noch etwas: "Wir suchen für unseren Verein dringend Männer. Also Männer, meldet euch", sagt Jule.

Eine Etage oben drüber tanzen sich die Mädchen vom Welzower Carneval Club in ihrer Garderobe warm. Um an diesem Abend dabei zu sein, ist Marie Keil extra aus Düsseldorf angereist. Auch, um am Training teilzunehmen, macht sie sich regelmäßig auf den langen Weg in die Heimat: "Ich mache das, weil ich 15 Jahre mittanze und meine Mädels hier habe." Während die Tänzerinnen vom Welzower Carneval Club die letzten Handgriffe vornehmen, das Haar noch einmal zurecht rücken, füllt sich langsam der Saal.

Kurz nach 20 Uhr ist es dann soweit. Moderator Matthias Luttmer vom Eggersdorfer Carnevalclub bringt das Publikum in Stimmung. Es wird gemeinsam geübt. Klatschen, trampeln, Helau rufen. Dann beginnt die Aufzeichnung. Einmarsch der Karnevalsvereine. Konfetti fliegt. Gleich zu Beginn hat der Moderator noch eine gute Nachricht: "Das ist das erste Mal seit 2005, dass die Gala wieder ausverkauft ist." Jubel. Unter den Zuschauern sind auch 33 Mitglieder der Berliner Faschingsfreunde. Alle tragen Knacki-Kostüme, bilden eine schwarz-weiß gestreifte Front und schunkeln fleißig mit. "Wir sind das erste Mal da. Bisher hatten wir immer eigene Veranstaltungen, aber jetzt wollen wir uns amüsieren lassen." Auf der Bühne singen "The Champ's" aus Berlin den Karnevalshit "Leev Marie". Das Publikum klatscht, jubelt. Noch mehr Konfetti. Noch mehr Flitter. Cottbus? Helau!

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Zum Thema:
Die Aufzeichnung der RBB-Karnevalsgala "Heut' steppt der Adler" wird am Sonntag, 26. Februar, um 20.15 Uhr im RBB Fernsehen ausgestrahlt. Im 2016 sahen die Sendung rund 140 000 Menschen.Zahlen des Abends: Rund 300 Mitwirkende, 1000 Zuschauer, 270 Scheinwerfer, fünf Kilometer Kabel, 85 Mitarbeiter an Kamera, Ton, Technik, und in Schnitt und RedaktionSeitenhieb des Abends: "Herzlich willkommen in der kreisfreien Stadt Cottbus." (Frank Czepok)Vergleich des Abends: "Und unsere Frau Bundesmutter erinnert mit ihrer Frisur doch sehr an Luther." (Bütt Stammtisch Eberswalde)