Noch halten sich alle Beteiligten an die Schweigepflicht. Doch nach RUNDSCHAU-Recherchen verdichtet sich immer mehr, wer mutmaßlich neuer Eigentümer des Lausitzer Bergbaus und der Kraftwerke wird: der tschechische Energiekonzern EPH. Am Sonntag entscheidet in Stockholm die Managementspitze des schwedischen Staatskonzerns Vattenfall, mit wem in den kommenden Wochen die Feinheiten des Kaufvertrages ausgehandelt werden.

Am Montag wird der Aufsichtsrat der Vattenfall GmbH in Berlin darüber beraten. Dann wird der Name des Erwerbers auch öffentlich. Das letzte Wort wird die schwedische Politik haben. Nach RUNDSCHAU-Informationen soll der Vertrag dem schwedischen Wirtschaftsministerium zur Bestätigung durch die Regierung zugeschickt werden.

Wer steht hinter EPH

EPH ist ein privater, nicht börsennotierter Energiekonzern. Manager und Haupteigentümer ist Daniel Kretinsky. Der Jurist gilt als Milliardär und "Wunderkind" der tschechischen Wirtschaft. EPH wurde 2010 gegründet und ist als Eigentümer der mitteldeutschen Mibrag bereits seit Jahren im deutschen Braunkohlegeschäft tätig. Dadurch kennt EPH auch die energiepolitischen Debatten in Deutschland bestens. EPH verdient einen großen Teil seines Geldes mit Gasgeschäften. Mit der PPF-Gruppe hat EPH den größten tschechischen Finanzdienstleister als Partner an der Seite für den Kauf der Lausitzer Kohle.

Knackpunkte der Verhandlung

Neben EPH hatte die kleinere Czech Koal ein Angebot unterbreitet, was jedoch offenbar keine Chancen hat. Die westdeutsche Steinkohle AG (Steag) mit Sitz in Essen hatte keinen direkten Kauf angeboten, sondern ein Stiftungsmodell unterbreitet. Der im Besitz von Stadtwerken in Nordrhein-Westfalen befindliche Konzern will dabei als Betreiber auftreten. Die Steag wirbt damit, durch eine Stiftung die nötigen Gelder für die spätere Rekultivierung der Gruben zu sichern.

Diese Rekultivierungskosten und dafür gebildete Rückstellungen sind ein wesentlicher Punkt in den Verhandlungen Vattenfalls mit einem potenziellen Erwerber. Nach RUNDSCHAU-Recherchen sollen bisher 1,5 Milliarden Euro dafür beiseitegelegt sein.

Die Gesamtkosten könnten aber auch doppelt so hoch ausfallen. Wie viel Geld dafür noch im laufenden Betrieb verdient werden kann und wie viel am Ende wirklich gebraucht wird, hängt davon ab, wie der Strompreis sich entwickelt und wie lange die Tagebaue noch ausgekohlt werden. Die Bundesregierung will, dass 2040 rund 80 Prozent der Elek troenergie in Deutschland aus alternativen Quellen stammen. Für nennenswerte Mengen Braunkohlestrom ist da kein Platz.

Risiko Strompreis

Ein anderer Knackpunkt der Verhandlungen sind vermutlich sogenannte Hedging-Verträge. Mit ihnen verkauft Vattenfall den größten Teil seiner Stromproduktion in der Lausitz bereits ein oder zwei Jahre im Voraus. Damit sichert sich der Konzern auch bei weiter fallenden Preisen an der Strombörse in Leipzig für diese Strompakete einen höheren Erlös. Wie diese Verträge in das Verkaufspaket eingebunden werden, dürfte bis zum Ende der Verhandlungen am Sonntag eine wichtige Rolle spielen.

Ob sich der Kauf der Lausitzer Braunkohle für den Erwerber gelohnt hat, wird sich auch an der Entwicklung des Börsenpreises für Strom entscheiden. EPH spekuliert vermutlich darauf, dass er sich nach einer Durststrecke ohne Gewinne ab 2022 mit der kompletten Umsetzung des Kernenergieausstieges wieder erholt. Derzeit liegt er knapp über 20 Euro pro Megawattstunde.

Doch die Frage, wohin der Börsenstrompreis in den kommenden Jahren geht, ist offenbar nicht leicht zu beantworten. Für das aktuelle Tief spielen nach Auffassung von Tobias Kurth vom Analyseunternehmen Energy Brainpool mehrere Faktoren eine Rolle: "Neben Überkapazitäten in der Erzeugung wirken sich auch die derzeit niedrigen Preise für Kohle und Gas aus."

Die Abschaltung der Kernkraftwerke werde Überkapazität vom Markt nehmen. Ob das ausreicht, um den Börsenstrompreis spürbar anzuheben, sei jedoch nicht sicher. Wenn auch die Preise für Brennstoffe wieder stiegen, was international erwartet wird, könnte es funktionieren, so Kurth. Auch politische Entscheidungen könnten die Entwicklung noch beeinflussen.

Kaum vorstellbar scheint es angesichts der Gesamtsituation, dass einer der drei geplanten Erweiterungstagebaue Nochten II, Welzow-Süd II und Jänschwalde-Nord noch aufgeschlossen wird. Denn dazu müssten neue Investitionen getätigt werden. 3500 Lausitzer sind durch die Planungen von Umsiedlung bedroht. Für sie könnte mit einem neuen Eigentümer der Lausitzer Kohle Gewissheit kommen, dass sie nicht mehr umziehen müssen.

Zum Thema:
Mit dem Stand beim Kohlepoker und seinen Folgen für die Lausitz beschäftigt sich am morgigen Freitag auch eine Sendung aus der Reihe "Radioeins und RUNDSCHAU Spezial".Ab 19 Uhr diskutieren Jan Vesper (Radioeins) und Jan Siegel (RUNDSCHAU) mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Al brecht Gerber (SPD), Abgeordneten, Wissenschaftlern und Fachleuten. Dabei soll es um den aktuellen Stand beim geplanten Verkauf der Lausitzer Tagebaue gehen. Zugleich blickt die Runde auf die mittelfristigen Perspektiven für die Region, die vor einem grundlegenden wirtschaftlichen Wandel steht.Zu hören ist die Sendung auf der Frequenz 95,1 MHz.