Ihre Kollegin Marlis Unglaube nickt: "Wir sind die einzigen in Deutschland, die das noch können." Vor 32 Jahren erlernten beide das Handwerk des Globenkaschierers. Ihr Arbeitsplatz im Hinterhof eines Industriebaus nennt sich "Leipziger Globusmanufaktur" und gehört zum Columbus Verlag, einem Unternehmen mit Sitz am Bodensee.
"Zu DDR-Zeiten gab es noch rund 20 Kleber", erinnert sich Becker. Nach der Wende habe ihr damaliger Arbeitgeber Insolvenz anmelden müssen, die meisten Kleber seien in Rente gegangen. Der Rest habe seinen Beruf aufgeben müssen, weil der scharfe Leim Allergien auslöse. Handschuhe sind tabu. "Sonst hat man nicht genügend Gefühl in den Fingern", erklärt Becker. Die Kleinarbeit fordert ganze Konzentration: "Wir sind die Einzigen in Deutschland, die Relief-Globen in Handarbeit herstellen", sagt Becker.
Damit die Berge der Welt nicht platt auf der Kugel kleben, modelliert Becker sie aus Ton. Zuerst beklebt sie die Kugel mit einer Karte, trägt dann den Ton auf, klebt eine Karte darüber und formt die Erhebungen nach. Rund vier Stunden Zeit braucht sie, bis Alpen, Rocky Mountains und Himalaja an der richtigen Stelle in die Höhe ragen. Das hat seinen Preis: Unter 250 Euro gibt es keinen handkaschierten Globus zu erstehen. Momentan stellen beide eine Reihe von Globen für den Export in die USA her. Rund einen halben Meter groß, aus mundgeblasenem Glas und antik beklebt soll das gute Stück zwischen 5000 und 6000 Dollar kosten. Das sei nur etwas für Liebhaber.
Zum Kaschieren bestreicht Unglaube eine Kunststoff-Halbkugel mit einem Pinsel. Zuvor hat sie ellipsenförmige Papierstücke aus einem großen Bogen ausgeschnitten. Sorgfältig klebt sie die Teile aneinander. Nichts darf verrutschen, sonst ist ein Fluss versiegt oder eine Grenze durchbrochen. Größere Globen aus Glas bekleben beide am Stück. "Nach 32 Jahren macht man keine Fehler mehr", sagt die 50-Jährige Unglaube. Viel, viel Geduld und Ruhe gehörten zu ihrer Arbeit. Heruntergefallen und zersprungen sei ihnen der blaue Planet noch nie. Zehn bis zwölf Weltkugeln schafft Becker an einem Tag.
Nach so vielen Jahren Erfahrung kennt sie die Grenzen auf der Erde, hat bei ihrer Arbeit Zusammenschlüsse und Neuordnungen mitverfolgt. An ihren ersten Globus mit dem vereinten Deutschland erinnert sie sich nicht mehr: "Aber ich habe einen aufgehoben, auf dem die DDR noch verzeichnet ist." Nach der Wende hat den beiden Kaschiererinnen ihr aussterbender Beruf viel Interesse eingebracht. "ProSieben, Kabel 1, 3sat", zählt Becker die Fernsehsender auf, in denen sie schon vertreten waren. Auch die Macher der Sendung mit der Maus standen vor der Tür und wollten wissen, wer die Welt zusammenklebt. "Wie es mit dem Betrieb weitergeht, wenn wir in Rente gehen, wissen wir nicht", sagen die beiden Frauen.