„Die innere Uhr der Leute steht auf Winter,
die denken jetzt nicht an Kahnfahren.“
 Steffen Franke, Kahnfährgenossenschaft Lübbenau


Gestern Vormittag um elf Uhr liefen beim Deutschen Wetterdienst in Potsdam aus der Lausitz und dem Elbe-Elster-Land rekordverdächtige Temperaturen für einen 16. November ein: Cottbus meldete 16,4°C, Klettwitz nur vier Zehntel weniger. In Doberlug wurden 15,1°C gemessen und in Lübben 15,0. Am Nachmittag zeigte das Thermometer in Cottbus dann 20 Grad, drei mehr als der bisherige Spitzenwert aus dem Jahr 1969. Auch in Sachsen wurden am Nachmittag überall Werte zwischen 18 und 20 Grad gemessen.
Normal seien für diese Jahreszeit Tageshöchsttemperaturen um sechs Grad und Nachttemperaturen um ein Grad, sagt Margot Petzold, Meteorologin vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam. Schon vorgestern war es in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land ungewöhnlich warm für die Jahreszeit und es soll noch eine Weile warm bleiben, auch wenn die Temperatur wieder langsam sinken. „In den nächsten Tagen werden die Normalwerte dieser Jahreszeit aber noch nicht erreicht“ , sagt Meteorologin Margot Petzold.
Die Ursache der sehr milden Witterung erklärt ihr Kollege Thomas Schmidt auf der Internetseite des Deutschen Wetterdienstes so: Zum einen gibt es ein von Sizilien zum Balkan wanderndes Hoch und zum anderen ein von der Norwegischen See über England südwestwärts verlaufender Tiefdruckkomplex. Dazwischen strömt sehr milde Mittelmeerluft in Richtung Mitteleuropa. Während der Wind dafür sorgt, dass die Atmosphäre durchmischt bleibt und somit die Ausgangstemperatur am Ende der Nacht bereits recht hoch ist, sorgen die Absinkbewegungen im Hochdruckgebiet dafür, dass es kaum Wolken gibt und die Sonne die Luft weiter erwärmen kann. Das Ergebnis sind auch Nachttemperaturen, die bei Werten um die acht Grad rekordverdächtig hoch liegen.
Heftige Temperatursprünge im November wurden jedoch schon öfter beobachtet. Am 06. November 1997 gab es im bayrischen Rosenheim mit 25,9°C einen richtigen Sommertag. Auch 1940, 1945, 1968 und 1994 wurde in Deutschland im November die 23-Grad-Celsius-Marke überschritten. Am 3. November vorigen Jahres erst kletterte die Quecksilbersäule vielerorts in Deutschland über die 20-Grad- Marke. Klaus Hirsch, Hobby-Meteorologe aus Großkoschen am Senftenberger See, registrierte damals über 15 Grad. Reichlich vier Wochen später gab es jedoch in Großkoschen schon mehr als fünf Grad unter Null in der Nacht.
Für die meisten Gastronomen in der Lausitz und im Elbe-Elster-Land kommt die derzeitige Wärme jedoch für ein zusätzliches Biergartengeschäft zu spät. Sie haben Tische und Stühle längst verstaut. „Wir haben seit einer Woche zu“ , sagt Klaus Vater, Juniorchef im „Fröhlichen Hecht“ im Spreewalddorf Lehde. Die anderen Ausflugslokale in der Nähe hätten inzwischen auch meist Winterruhe.
Am Fährhafen in Lübbenau kann wer will noch Kahnfahren. „Zehn Fährleute sind immer in Bereitschaft solange es eisfrei bleibt“ , sagt Steffen Franke, Chef der Kahnfährgenossenschaft Lübbenau. Doch um diese Jahreszeit trieben ein paar sonnige Tage das Geschäft nicht gleich an: „Die innere Uhr der Leute steht auf Winter, die denken jetzt nicht an Kahnfahren.“ Wenn Sonne und Wärme bis zum Wochenende anhalten, könnte das Geschäft aber doch noch etwas in Gang kommen, vermutet er.
Die frühlingshaften Temperaturen mitten im November sind Experten zufolge noch kein eindeutiger Ausdruck für den Klimawandel. "Was wir jetzt sehen, ist eine besondere Wettersituation, wahrscheinlich keine besondere Klimasituation", sagt Johann Jungclaus, Wissenschaftler am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie. "Normalerweise haben wir um diese Jahreszeit ein Tiefdruckgebiet nach dem anderen, viel Regen und relativ kalte Luft." Die ungewöhnlich hohen Temperaturen hingegen gingen auf die warme Luft zurück, die derzeit aus dem Süden zu uns ströme.
Ob dies jedoch Ausdruck eines veränderten Klimas sei, lasse sich nicht eindeutig sagen. "Aber es ist bezeichnend, dass wir in diesem Jahr einen Rekord nach dem anderen haben", sagte Jungclaus. So verzeichneten Meteorologen unter anderem den heißesten Juli und die höchsten Durchschnittstemperaturen in der Nordsee seit Beginn der Aufzeichnungen. "Insofern kommt da schon so eine Komponente hinein, dass wir langfristig anscheinend in ein wärmeres Regime hineinkommen."