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| 02:38 Uhr

Szenen einer Zerrüttung

Lässt sich nicht aus der Reserve locken: Angela Merkel.
Lässt sich nicht aus der Reserve locken: Angela Merkel. FOTO: dpa
Berlin. Glaubt man Horst Seehofer, dann hat er genauso regelmäßig Kontakt zu Angela Merkel wie früher, vor Beginn der Flüchtlingskrise. Doch um das Verhältnis zwischen CSU-Chef und Kanzlerin ist es nicht mehr zum Besten bestellt. Hagen Strauß

Erst hat sie ihn abblitzen lassen. Vielleicht, weil man sowieso häufig miteinander telefoniert, und weil die Positionen in der Flüchtlingsfrage so konträr sind. Am Mittwoch dann doch ein Treffen im Kanzleramt. Aber im Kreise der Unionsspitze. So, wie es Kanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer Anfang November vergangenen Jahres beim ersten Asylgipfel vereinbart hatten - CDU und CSU würden möglichst alle 14 Tage die Lage erörtern, lautete damals der Beschluss.

Ein Routinetermin also, ohne konkrete Ergebnisse. Oder doch mehr? Eigentlich hatte der bayerische Ministerpräsident nach dem eher ergebnislosen EU-Gipfel vor knapp zwei Wochen einen Gipfel der Koalitionsspitzen gefordert. Doch Merkel wollte ihm dafür keinen Termin geben. Sie springt schon lange nicht mehr über jedes Stöckchen, das man ihr aus München hinhält.

Die ständigen Attacken und Angriffe seien zwar nervig, heißt es aus ihrem Umfeld. Aber aufzwingen lasse man sich nichts. Auch kein Vier-Augen-Gespräch. Der Vorgang gehört zu den Szenen einer Nicht-Ehe. Die Paarbeziehung gilt als zerrüttet, auch wenn das weder Merkel noch Seehofer öffentlich zugeben würden. Zu viel ist passiert.

Seehofer hat Merkel auf dem CSU-Parteitag im vergangenen Jahr gedemütigt, er lässt ein ums andere Mal die Muskeln in der Flüchtlingsfrage spielen, spricht von einer "Herrschaft des Unrechts" und droht mit Klage vor dem Verfassungsgericht. Er besucht den russischen Präsidenten Wladimir Putin und am Freitag den Ungarn Viktor Orban - zwei von Merkels schärfsten Kontrahenten auf internationaler Bühne. Er weiß, wie das wirkt.

Doch die Kanzlerin reagiert mit Desinteresse, lässt bewusst fast alles an sich abtropfen. Nichts reizt den Bayern mehr. Das weiß wiederum sie. So geht eine schlechte Beziehung. Dabei kommunizieren beide noch viel miteinander. Vor allem Seehofer beteuert immer wieder vor Journalisten, wie häufig er doch mit Merkel telefoniere.

Aber die Kanzlerin vertraut ihm nicht mehr. Weil der CSU-Chef alles dafür getan hat, dass jeder inhaltliche Konflikt wie ein Mosaikstein in seinem Gefecht um die richtige Flüchtlingspolitik wirkt. Zwei Gesetzesvorhaben hat Seehofer in der Koalition blockiert, das zur Erbschaftsteuer und das gegen Missbrauch bei Leiharbeit und Werkverträgen. Auch bei der EEG-Reform sperrt sich die CSU.

Sind das bayerische Retourkutschen, da Merkel beharrlich an ihrem Kurs in der Flüchtlingspolitik festhält? Regierungssprecher Steffen Seibert ist höflich genug, dies zu verneinen. Doch ihm glaubt weder die SPD noch die Opposition. Das Treffen am Mittwoch bei Königsberger Klopsen stand zudem noch unter einem besonderen Vorzeichen - den drei Landtagswahlen am 13. März.

Auch Seehofer hat eingesehen, dass der interne Streit den Wahlkämpfern schadet. Die Umfragen belegen dies. Und sollte die CDU ihr Ziel verfehlen, in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten-Posten zurückzuerobern, wird nicht nur auf Merkel gezeigt werden. Sondern vielleicht auch auf ihn, den bajuwarischen Streithansel. Die Frage nach seiner Mitschuld könnte ihn dann schneller einholen, als ihm lieb ist.

Aus der Unionsfraktion wird überdies erzählt, Merkel vermittle Kritikern dort ab und an eine lässige "Kommt doch"-Haltung. So hält sie es ebenfalls mit Seehofer. Das ist ihr Trumpf in der Beziehung. Denn außer verbalen Angriffen hat der Bayer nichts zu bieten, womit er ihr wirklich gefährlich werden könnte.

Würde die CSU die Koalition verlassen, wäre auch eine Regierung der CDU nur mit der SPD möglich. Das gilt freilich nur für den Augenblick. Spätestens dann, wenn Merkel erneut als Kanzlerkandidatin ins Rennen gehen will, braucht sie die CSU wieder - und Seehofer. Auf die Frage, ob er sie 2017 als Kandidatin unterstützen werde, sollte sie ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik beibehalten, antwortete der Bayer jetzt in einem Interview mit zwei knappen Worten: "Nächste Frage."