Guantánamo, die Waffendebatte und jetzt Syrien: Wieder holt die Realität Barack Obama ein. Ein weiteres Mal ist der US-Präsident irrtümlich davon ausgegangen, dass sich moralische Entrüstung ganz bestimmt auch im Handeln niederschlägt, sei es politisch oder - wie im Fall Syrien - militärisch. Diesmal fand sich Obama so isoliert wie wohl niemals zuvor in seiner Amtszeit.

International nur ein einziger Verbündeter, Frankreich, der ihm bei seinem geplanten Waffengang in Syrien folgen wollte, und dazu eine breite Opposition im eigenen Land. Und so kam es dann am Samstag zu dem Paukenschlag: Eine Militäraktion in Syrien, die praktisch schon sicher schien, findet entweder später statt oder überhaupt nicht - und es wird nicht der Commander-in-Chief sein, der das entscheidet, sondern der Kongress.

US-Medien und Analysten waren sich am Sonntag darin einig: Obama geht mit diesem Schritt ein enormes Wagnis ein. Den Kongress in dieser Frage auf seine Seite zu ziehen, sei "eine der größten Herausforderungen seiner politischen Karriere", schrieb etwa die "New York Times" am Sonntag.

"Obama liefert sich der Gnade der Republikaner im Abgeordnetenhaus aus, von denen viele gegen ihn in jedem Punkt Widerstand geleistet und schon angedeutet haben, dass Syriens Bürgerkrieg keine Bedrohung für die USA darstellt." Gibt es überhaupt einen Trost für den gebeutelten Demokraten, dann dieser: Keiner der ihm offenstehenden Wege wäre zu diesem Zeitpunkt eine befriedigende Alternative gewesen.

Ein totaler Rückzieher, der Verzicht auf einen Waffengang, hätte einen enormen Gesichtsverlust bedeutet. Ein Militäreinsatz praktisch als internationaler Alleingang, ohne Rückendeckung des Kongresses: Das hätte ihm die drei letzten Jahre seiner Amtszeit innenpolitisch zur Hölle gemacht. Dabei stehen schon bald wieder Entscheidungen in Sachen Haushalt und Verschuldung an.

Das armselige Angebot an Alternativen spiegelt drastisch wider, wie stark sich Obama selbst in eine Ecke manövriert hat, aus der er nun - egal, wie es weitergeht - auf jeden Fall nicht strahlend herauskommen wird.

Experten meinen, dass das viel mit Obamas eigener Zerrissenheit zu tun hat. Die USA aus Kriegen herauszuführen, und nicht das Gegenteil, internationale Koalitionen statt Alleingänge - das war stets so etwas wie sein außenpolitisches Credo. Das erklärt auch, warum Obama von Anfang an so stark abgeneigt war, sich überhaupt in irgendeiner Form in den Syrien-Konflikt einzuschalten.

Dieser gehöre zu den Fällen, der "höllische Probleme bringe, mit endlosen Risiken, soll er Mitarbeitern wiederholt gesagt haben. Und so schien alles, was er sagte und tat, von der Unterstützung für die Rebellen bis hin zur Ankündigung einer "begrenzten" Militäraktion, halbherzig zu sein. "Er hat immer wieder gezögert, kam als unentschlossen rüber, ohne Konzept", beschrieb es der Präsidenten-Historiker Douglas Brinkley bei CNN.

Und das, so sagen viele Experten, ist auch Wasser auf die Mühlen vieler Skeptiker im Kongress. "Obama wird es schwer haben, mich zu überzeugen, weil ich glaube, dass er die ganze Situation schlecht gemeistert hat", sagt etwa der republikanische Abgeordnete Tim Griffin. "Ich bin abgeneigt, ihm eine Lizenz für einen Krieg zu geben, wenn ich, bei allem Respekt, wenig davon überzeugt bin, dass er weiß, was er tut."

Der Präsident müsse sich praktisch jedes Kongressmitglied einzeln vornehmen, wenn er zum Ziel kommen wolle, meint Brinkley. Und dazu gehören auch die eigenen Demokraten, die, wie viele Beobachter am Sonntag notierten, in diesen Tagen auffallend still sind.

Die einzige öffentliche Unterstützung komme bisher praktisch von einigen Republikanern, stellte denn auch der konservative Abgeordnete Tom Cole fest. "Obama ist ein Kriegspräsident ohne Kriegspartei." US-Außenminister John Kerry zeigte sich dennoch am Sonntag überzeugt davon, "dass der Kongress das Richtige tut".

Aber das hat Großbritanniens Premierminister David Cameron auch geglaubt, bevor ihn das Parlament in Sachen Beteiligung an einer Militäraktion vor das Schienbein trat. So ließ denn Kerry auch die Möglichkeit offen, dass Obama am Ende auch gegen den Willen des Kongresses Tomahawk-Marschflugkörper losschicken könnte. "Total verworren", kommentiert CNN-Analyst Fareed Zakaria. "Obamas Kurs - welcher Kurs?"

Zum Thema:
Islamisten aus Deutschland beteiligen sich einem "Focus"-Bericht zufolge an der Ermordung und Vertreibung von Christen in Syrien. Für einen Überfall auf christliche Dörfer an der Grenze zur Türkei vom 6. August sei eine Miliz verantwortlich, in der auch deutsche Konvertiten und Migranten kämpften, berichtet das Magazin unter Berufung auf Erkenntnisse zweier westlicher Nachrichtendienste. Bei der Attacke seien zahlreiche Menschen ermordet worden.