Von Benjamin Lassiwe

„Johanna war 15 oder 16 Jahre alt, so genau weiß sie es nicht mehr“, erzählt Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs. „Sie weiß nur, dass sie es eklig fand, als der Pastor sie das erste Mal überfallartig küsste und an die Brust fasste.“ So fing es an: Ein Fall von sexuellem Missbrauch, ein Teil einer Serie in Ahrensburg, einer Kleinstadt nördlich von Hamburg. Gestern erzählt Kirsten Fehrs davon, vor der in Würzburg versammelten EKD-Synode, im Rahmen eines Berichts zum Missbrauch in der Evangelischen Kirche.

„Die evangelische Kirche hat systemisch gesehen ganz spezifische Risikofaktoren“, sagt Fehrs. Sie spricht über sexualisierte Gewalt, begangen an Kindern und Jugendlichen, aber auch an Erwachsenen in Beratungsszenarien und Abhängigkeitsverhältnissen. Die Täter waren Pastoren, aber auch Jugendmitarbeiter, Kirchenmusiker oder Ehrenamtliche. Gerade weil in der evangelischen Kirche so viele Berufsgruppen und auch Ehrenamtliche Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen trügen, müsse man sie alle in den Blick nehmen, sagte Fehrs. Dazu kämen die „vereinsartigen Strukturen“ der evangelischen Kirche: Oft sei es unklar, wer für was zuständig ist, und weil jeder jeden kenne, rede man nicht öffentlich über die Taten. Es gebe „unreflektierte Vermischung von Privaten und Dienstlichem“ und Einrichtungen, die als „Closed Shops“ geführt würden. Und nicht nur im Ahrensburger Fall auch die „zeitgeistige Ideologie der späten 70er Jahre und der Reformpädagogik“.

Schon die ganze Woche über hat sich das evangelische Kirchenparlament mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigt. Am Sonntag hatte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm Missbrauchsopfer um Vergebung gebeten. Angekündigt wurden zwei Studien zur weiteren Ermittlung der Risikofaktoren und der Dunkelfeldanalyse. Rund eine Million Euro sind dafür vorgesehen. Bislang sind nur 479 Missbrauchsfälle aus den evangelischen Landeskirchen bekannt, doch die Dunkelziffer dürfte weit höher sein. Fehrs kündigte gestern zudem eine stärkere Beteiligung der Betroffenen an Aufarbeitung und Prävention in der EKD an. In allen 20 Landeskirchen soll es künftig Unabhängige Kommissionen zur Vergabe von Unterstützungsleistungen an Betroffene geben. Ein Beauftragtenrat und zentrale Meldestellen in den Landeskirchen sollen geschaffen werden. Und auch das Diakonische Werk der EKD, unter dessen Dach zahlreiche Heime, und Wohlfahrtseinrichtungen angesiedelt sind, kündigte am Mittwoch eine eigene Studie zur Aufarbeitung der sexuellen Gewalt an. „Eine Kirche, die solcher Gewalt nicht wehrt, ist keine Kirche mehr“, sagte Kirsten Fehrs.

Für ihren Bericht erhielt die Hamburger Bischöfin von der Synode stehende Ovationen. Doch in der nachfolgenden Debatte gab es auch Kritik. Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt verwies etwa darauf, dass es „lange gedauert habe, bis wir als Evangelische Kirche in Deutschland gesagt haben, da müssen wir zusammen etwas tun.“ Nun müsse man eindringlich Werbung dafür machen, dass sich Menschen, die in der Kirche Erfahrungen sexueller Gewalt gemacht hätten, auch bei der Kirche meldeten. Betroffenenvertreter begrüßten am Dienstag die Äußerungen der EKD. Allerdings kritisierte der Betroffenenrat beim Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung das Fehlen eines festen Zeitplans für deren Implementierung. „Bisherige Aufarbeitungsprozesse in der katholischen Kirche machen aber deutlich, dass solche Strukturen auf Dauer angelegt sein müssen, wenn sie Erfolge zeigen sollen“, heißt es in einer Stellungnahme. “Hier fehlt den Ankündigungen der EKD noch die notwendige Verbindlichkeit.“