Thomas Lubanga konnte sich auf seine kleinen Soldaten verlassen, sonst hätte er sie kaum zu seinen Leibwächtern gemacht. Der kongolesische Milizenführer ist der erste mutmaßliche Kriegsverbrecher, der sich wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten vor einem internationalen Gericht verantworten muss. Lubanga weist den Vorwurf weit von sich. Dagegen kritisieren Menschenrechtsgruppen, die Anklage sei zu eng gefasst und gehe nicht auf sexuellen Missbrauch von Mädchen durch Lubangas Kämpfer ein. Bei vielen herrscht jedoch Erleichterung, dass der 2002 eingerichtete Internationale Strafgerichtshof endlich aktiv wird und das Interesse auf das Problem der Kindersoldaten lenkt.
Ein elf Jahre alter Junge ist eins von sechs Kindern, deren Fälle in der Anklageschrift als Beispiele dienen. Er wurde Anfang 2003 von Lubangas Miliz aus dem Haus seiner Eltern entführt. Am nächsten Tag begann das militärische Training. Er lernte salutieren, marschieren und klettern. Lubanga besuchte das Traningslager mehrfach und ermahnte die Kinder, gehorsam zu sein und ordentlich zu lernen, wie man angreift und den Feind tötet. Lubanga dürfte gewusst haben, wie Kinder einzuschüchtern sind, schließlich hat er früher Psychologie studiert.
Nach zwei Monaten bekam der Elfjährige eine Uniform, eine Waffe und sechs Magazine Munition. Bei einem Angriff auf ein Dorf erschoss er zum ersten Mal einen Menschen - aus Angst, selbst getötet zu werden, wenn er sich dem Befehl verweigert hätte. Der Anführer seiner Einheit erklärte ihnen, dass sie alle Angehörigen der Volksgruppe der Lendu töten sollen. Mädchen und Frauen dürften sie vergewaltigen.
Lubangas Hema-Miliz UPC kontrollierte von August 2002 bis März 2003 die Provinzhauptstadt Bunia und deren Umgebung. Sie wird für zahlreiche Massaker an Angehörigen der Lendu verantwortlich gemacht. In manchen Fällen mussten Zivilisten ihre eigenen Gräber ausheben, bevor sie erschossen wurden. Die UPC trug den Beinamen "die Kinderarmee", weil viele ihrer Kämpfer entführte Kinder waren.
Die Kämpfe in der rohstoffreichen Provinz Ituri 2002/03 wurden häufig als Stammesfehde zwischen Hema und Lendu dargestellt. Doch letztlich ging es den zum Teil von den Nachbarländern unterstützten Milizen um die Kontrolle des illegalen Rohstoffhandels. Ituri ist mit seinen Vorkommen an Gold, Diamanten und Tropenholz eine der potenziell reichsten Provinzen des Landes. Auch nach dem offiziellen Friedensabkommen für Kongo 2002 hielten die Kämpfe in Ituri an.
Ein möglicher Prozess gegen Lubanga wäre für den Kongo, der gerade auf das Ergebnis der ersten freien Wahlen seit vier Jahrzehnten wartet, ein wichtiges Zeichen. Nach Ansicht politischer Beobachter bedeutet es ein symbolisches Ende der Straflosigkeit, selbst wenn Lubanga nicht der größte aller mutmaßlichen kongolesischen Kriegsverbrecher sein sollte. Auch für den internationalen Strafgerichtshof, der vier Jahre nach seiner Gründung noch keinen Prozess vorzuweisen hat, gilt das Verfahren gegen Lubanga als ein wichtiger Schritt. Der nächste afrikanische Milizenführer, Joseph Kony aus Uganda, ist immerhin schon angeklagt.