"Es gibt viele wunderbare
Ferienregionen in Deutschland,
die es zu erkunden lohnt."
 Renate Künast,
Grünenfraktions-Chefin



Doch im Zuge der Klimadebatte schlagen Wissenschaftler jetzt Alarm und präsentieren den als "Reiseweltmeistern" bekannten Deutschen unangenehme Fakten. "Wer mit dem Flugzeug nach Südostasien reist, sollte wissen, dass dabei mehr als sechs Tonnen Kohlendioxid pro Kopf entstehen", rechnete der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, am Samstag in der "Berliner Zeitung" vor. Zum Vergleich: Ein Bahn-Reisender, der von Berlin an die Ostsee und zurück fährt, verursache hingegen nur 35 Kilogramm CO 2 .
Bleibe im Lande und hilf der Umwelt, lautet die Empfehlung der Klimafachleute. Der Tourismusexperte des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Manfred Stock, brachte es auf die einfache Formel: "Sylt statt Seychellen: Wer etwas für den Klimaschutz tun will, sollte Flugreisen vermeiden und in Deutschland Urlaub machen." Doch nicht nur Fernreisen sind den Umweltschützern ein Dorn im Auge. Jeder sollte prüfen, ob er auf das Fliegen nicht ganz verzichten kann, riet die Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland, Brigitte Behrens. Also kein Christmas-Shopping in London mehr? "Wochenend-Trips per Flieger sind unter Klima-Gesichtspunkten tabu", stellte Behrens im Berliner "Tagesspiegel am Sonntag" fest.
Die Reisebranche, die sich vom 7. bis zum 11. März in Berlin zur Internationalen Tourismusbörse (ITB) trifft, dürfte solche Töne nur ungern hören. Schließlich geht es um viel Geld. 2005 erzielten die deutschen Reiseveranstalter einen Gesamtumsatz von 19,4 Milliarden Euro - Tendenz steigend. Nach einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen unternahmen die Deutschen 2005 fast 80 Millionen Reisen von fünf und mehr Tagen. Doch die Warnungen vor der Zerstörung der Umwelt durch Flüge ins Ausland bieten auch Chancen für heimische Urlaubsregionen. ITB-Direktor Martin Buck erwartet denn auch einen Schub für das Reiseland Deutschland. "In wenigen Jahren wird es in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht mehr chic sein, während seines Urlaubs die Umwelt mit zu viel CO 2 zu verpesten", sagte er der "Berliner Morgenpost".
Allerdings boomt Urlaub im eigenen Land schon seit Längerem. 2006 verbrachten bereits 34 Prozent ihre Ferien zwischen Flensburger Förde und Alpen. Das waren nach einer Analyse des BAT Freizeit-Forschungsinstituts zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. "Vor allem bei Zweit- und Drittreisen neigen die Deutschen dazu, das eigene Land als Urlaubsziel zu wählen", berichtete BAT-Leiter Professor Horst Opaschowski. Allerdings war nicht die Nordsee-Insel Sylt die Alternative zu den fernen Seychellen. Vom Deutschland-Reisetrend profitierte vor allem Bayern mit einem Anteil von 7,7 Prozent, gefolgt von der Ostseeküste mit 7,4 Prozent.
Die Politik sprang schnell auf das neue Thema. "Es gibt viele wunderbare Ferienregionen in Deutschland, die es zu erkunden lohnt", wusste Grünen-Fraktionschefin Renate Künast in der "Berliner Zeitung" zu berichten. "Deutschland ist reich an Kulturschätzen und landschaftlich reizvollen Gebieten", ergänzte der Tourismus-Beauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU), in der "Bild am Sonntag". Doch Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) warnte vor falschen Erwartungen: "Rücksichtnahme auf die Schöpfung ist gut, durch Verzicht auf Flugreisen werden die weltweiten Klimaprobleme aber nicht gelöst", sagte er.