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| 01:07 Uhr

Sunniten fühlen sich als Kriegsverlierer

Iraker töteten in der Nacht zu gestern in Bagdad erneut zwei US-Soldaten. Zu nächtlichen Gefechten kam es auch in der westirakischen Stadt Ramadi. Dort wurden bei Angriffen auf eine Unterkunft von US-Soldaten vier Amerikaner verletzt. Die Übergriffe nehmen kein Ende, die Soldaten sind aufs Höchste angespannt und reagieren dadurch mitunter unangemessen auf die Bevölkerung, die ihnen ohnehin zu großen Teilen nicht wohl gesonnen ist. Von Gregor Mayer und Anne-Beatrice Clasmann

Abdul el Kaisi macht aus seiner Ablehnung der "ungläubigen" US-Besatzer keinen Hehl. "Wir sind Zeugen einer Verschwörung", hämmert der Imam der größten Moschee von Falludscha den Gläubigen ein. "Es sind welche unter uns, die ihre Religion für irdische Güter verkaufen wollen", fügt er hinzu. Dabei sei die Lehre des Korans doch eindeutig: "Folgt nicht den Christen und Juden!"

Auch Saddam war Sunnit
Auch wenn der Prediger nicht direkt zur Verfolgung von "Kollaborateuren" aufruft, zeigt das Blutbad vom vergangenen Samstag in der Nachbarstadt Ramadi, was Irakern, die mit den Besatzern zusammenarbeiten, im schlimmsten Fall blüht. Bei der Abschlussfeier für die Absolventen eines von den Amerikanern organisierten Lehrgangs für neue Polizisten, detonierte ein Sprengsatz. Hier, im Herzen des so genannten sunnitischen Dreiecks, wo sich nach Einschätzung der meisten irakischen Beobachter auch der gestürzte Ex-Diktator Saddam Hussein versteckt haben könnte, ist der Hass auf die amerikanische Besatzungsmacht besonders groß. Bis auf wenige Ausnahmen ereigneten sich alle Angriffe auf US-Soldaten im Gebiet zwischen Ramadi im Westen, Bagdad im Osten und Samarra im Norden. Denn im Kernland der sunnitischen Araber, die mit etwa 20 Prozent eine Minderheit im Irak sind, haben die Menschen mehr als in anderen Regionen des Zweistromlandes das Gefühl, durch den Krieg etwas verloren zu haben.
Das Regime von Saddam Hussein, der selbst ein Sunnit aus Tikrit ist, bevorzugte sie bei der Verteilung von Vergünstigungen und Posten. Für Kurden und die Bevölkerungsmehrheit der schiitischen Araber fiel dagegen nur dann ein prestigeträchtiges Amt ab, wenn das Regime glaubte, sich durch die Postenvergabe die Loyalität eines bestimmten Clans sichern zu können.
"Kein Wunder, dass es in Falludscha immer Ärger mit den Amerikanern gibt", meint ein Anwalt aus Nadschaf in einem verächtlichem Ton, "das sind ja auch genau die Leute, die früher so kräftig profitiert haben." Zwar sind auch viele schiitische Muslime im Irak über die amerikanisch-britische Besatzung nicht glücklich. Doch die meisten von ihnen sehen darin ein vorübergehendes Übel, das notwendig ist, um einen einigermaßen friedlichen Übergang von der Gewaltherrschaft des Saddam-Regimes zu einem demokratischen Irak zu garantieren. Sollten die Amerikaner sich auf lange Sicht die Entscheidungsgewalt über alle wichtigen Fragen des Landes vorbehalten, droht jedoch auch von ihnen massiver Widerstand.
Falludscha trägt im Irak den Namen "die Stadt der Moscheen". Seine Einwohner gelten als besonders religiös. Mit Berichten über US-Soldaten, die mit ihren Ferngläsern durch die Fenster in die Häuser schauen, um die Frauen zu beobachten, lässt sich hier besonders gut Stimmung gegen die Besatzung machen.

Angst vor Dominanz der Schiiten
Falludscha war bis zum Sturz des alten Regimes außerdem ein Zentrum der irakischen Militärindustrie. Die Loyalität zum Regime von Saddam Hussein speist sich hier auch aus wirtschaftlichen Abhängigkeiten.
Doch auch die zum Teil berechtigte Angst vor einer möglichen künftigen Dominanz der Schiiten ist bei den sunnitischen Muslimen des Irak groß. Wenn sie die bärtigen Männer der schiitischen Religionsschule "Hauza Ilmija" aus Nadschaf und ihre Anhänger sehen, die sich bei ihren Demonstrationen in Bagdad nach schiitischer Tradition laut im Gleichtakt auf die Brust schlagen, keimen bei den Sunniten Ängste vor einem Leben als Bürger zweiter Klasse, so wie es die Schiiten im Irak jahrzehntelang erlebt hatten.
Doch nicht nur die Sunniten, auch die kleinere christliche Minderheit betrachtet die von radikalen Schiiten vereinzelt geäußerten Aufrufe zum Kopftuch-Zwang für alle Irakerinnen und die ersten Angriffe auf Alkohol-Geschäfte mit Sorge.