In Südamerika fallen die alten Bastionen der Macht. Lange haben Großgrundbesitzer und Industriebarone die Politik dominiert. Doch nun ist eine neue Generation von Präsidenten im Amt, die den sozialen Wandel zugunsten der Armen gestalten will. Mit dem Amtsantritt des einstigen "roten Bischofs" Fer nando Lugo als Staatschef von Paraguay Mitte August setzt sich der Linksruck auf dem Subkontinent fort. Und die indianischen Bewegungen gewinnen an Einfluss in der Politik.
Nur in den Ländern Peru und Kolumbien stehen derzeit in Südamerika rechtsgerichtete Präsidenten an der Spitze. Die meisten Staaten haben eine Links- oder Mitte-Links-Regierung. Doch der angekündigte Umbau der Gesellschaften geht langsam voran. Das hohe Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre kommt zwar auch dem einfachen Volk zugute, aber die Kluft zwischen Arm und Reich bleibt tiefer als irgendwo sonst auf der Welt.
Mit gewonnenen Wahlen ist es längst nicht getan, weiß Paraguays neuer Präsident Lugo. Den Wandel sieht er auch als kulturelle Aufgabe, an der sich alle Bürger beteiligen müssten. "Ich weigere mich, in einem Land zu leben, wo einige schlafen, aber andere nicht schlafen, weil sie Angst haben, und wieder andere nicht, weil sie Hunger haben", sagte er in seiner Antrittsrede.
Während sich Paraguay im Jubel eines historischen Neuanfangs sonnt, ist in den Nachbarländern die Aufbruchstimmung längst verflogen. In Uruguay etwa verfolgt der Mitte-Links-Präsident Tabaré Vázquez eine ähnlich behutsame Wirtschafts- und Sozialpolitik wie der brasilianische Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva. Die landlosen Bauern in Brasilien sind jedoch enttäuscht. Die Präsidentinnen Michelle Bache let in Chile und Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien haben wegen hoher Inflationsraten an Popularität eingebüßt. In Argentinien kommt noch ein monatelanger Konflikt zwischen Regierung und Farmern hinzu.
Auch die Ureinwohner Südamerikas werden zunehmend zu einem politischen Faktor. Vor allem in den Andenländern wächst ihr Selbstbewusstsein. In Bolivien und Ecuador unterstützen indianische Gruppen die von linken Mehrheiten beschlossenen Entwürfe für neue Verfassungen, über die die Bevölkerung noch abstimmen soll. Vorgesehen ist eine Stärkung der Indianerrechte und zugleich eine Aufwertung des Staates in der Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Das kommt an: Die Präsidenten Evo Morales (Bolivien) und Rafael Correa (Ecuador) wissen klare Mehrheiten hinter sich. Morales, selbst indianischer Herkunft, wurde kürzlich mit 67,4 Prozent im Amt bestätigt. Allerdings droht Bolivien eine Spaltung zwischen der weißen Oberschicht und der indigenen Bevölkerung.
In Peru haben protestierende Ureinwohner durch einen elftägigen Streik erreicht, dass die neoliberale Regierung ihre Investitionspläne für Amazonien überdenkt. Wie jüngste Umfragen zeigen, ist der peruanische Präsident Alan García mit Abstand der unbeliebteste Staatschef Südamerikas.
Venezuelas scharfzüngiger und manches Mal autoritärer Präsident Hugo Chávez gewinnt mit seiner Erdöldiplomatie bei den Nachbarn Sympathien. Im eigenen Land, wo er den Sozialismus des 21. Jahrhunderts verwirklichen will, stößt er auf heftigen Gegenwind. Bei den kommenden Regionalwahlen im November dürfte die bürgerliche Opposition Boden gut machen.
Kolumbien gilt als Sonderfall in Südamerika: Das Land leidet unter einem seit vier Jahrzehnten währenden Bürgerkrieg zwischen linken Guerillabewegungen, rechtsextremen Paramilitärs und der Armee. Die konservative Regierung setzt auf ein enges Bündnis mit den USA. Präsident Álvaro Uribe darf sich trotz Skandalen Hoffnungen auf eine erneute Wiederwahl 2010 machen, denn die meisten Kolumbianer unterstützen sein hartes Vorgehen gegen die Farc-Guerilla.
In Brasilien sitzt Präsident Lula fest im Sattel. Er will seine loyale Präsidialamtsministerin Dilma Rousseff bis zur Wahl 2010 zur Nachfolgerin aufbauen. Ähnlich wie Chávez setzen nun beide auch auf Petrodollars: Nach der Entdeckung mehrerer riesiger Ölfelder planen sie einen Erdölfonds, aus dem Projekte zur Armutsbekämpfung und zum Ausbau des Bildungswesens finanziert werden sollen.