Das Asylbewerberheim in Waßmannsdorf ist nichts, worauf Stephan Loge stolz ist, im Gegenteil. Der Putz blättert von der Fassade der alten NVA-Kaserne. In den Häusern gibt es nur Gemeinschaftsduschen im Keller. "Wir wollen hier schon lange sanieren, aber dafür müssen wir wenigstens mal einen Flur leer ziehen können", sagt der Landrat des Dahme-Spreewald-Kreises mit SPD-Parteibuch.

Doch der Kreis schafft das nicht, denn jedes Flüchtlingsbett wird zurzeit gebraucht. Auch Wohncontainer, die Loge lieber "temporäre Plätze" nennt, und die als Ausweichquartiere für die Instandsetzung des Heimes in Waßmannsdorf dienen sollten, sind belegt.

Demnächst kommen gut 50 Betten in einem Wohnheim in Lübben dazu. Einhundert weitere Schutzsuchende muss der Kreis bis zum Jahresende aufnehmen.

Deshalb wird auch die Ex-Kaserne in Waßmannsdorf im kommenden Winter voll belegt sein. Obwohl die alte Heizanlage dort nach Auskunft von Loge das Leben gerade für Familien mit Kindern schwierig macht: "Die Anlage produziert immer zuerst warmes Wasser, erst dann liefert sie Wärme für die Räume."

Seit etwa zwei Jahren steigt die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland wieder an. Darunter sind zahlreiche Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Nach Einwohnerzahl der Bundesländer und Kommunen werden die Schutzsuchenden weiter verteilt. Sachsen wird in diesem Jahr über 10 000 Asylbewerber unterbringen, Brandenburg über 6000.

Das sind etwa doppelt so viele wie im Vorjahr. Allein Brandenburg muss bis Jahresende noch rund 600 neue Plätze schaffen. Das Land will keine Notunterkünfte in Zelten oder Turnhallen und hat deshalb die Genehmigung erteilt, dass die Kreise im Notfall die vorgeschriebene Mindestfläche pro Flüchtling für drei Monate von sechs auf fünf Quadratmeter reduzieren können. Zum Vergleich: Ein Haftraum im Gefängnis hat eine Fläche von neun Quadratmetern.

Doch die derzeitigen Flüchtlingszahlen liegen noch immer deutlich unter denen von Anfang der 90er-Jahre. Weil jedoch zwischen 2000 und 2010 die Flüchtlingszahlen kontinuierlich und drastisch sanken, wurden Unterkünfte aufgelöst. Jetzt müssen die Kommunen in kurzer Zeit neue Quartiere finden. Das ist nicht einfach. Mancherorts fehlen geeignete Immobilien. Aber oft auch die Akzeptanz der Einwohner.

Ein Beispiel dafür hat Michael Harig (CDU), Bautzener Landrat, parat. In Neukirch gebe es ein Hotel, das seit zwölf Jahren leer steht. Der Kreis möchte dort gern Flüchtlinge einquartieren. "Die Leute dort sind aber militant dagegen", sagt Harig.

Auch als der Kreis das Spree-Hotel am Bautzener Stausee als Asylunterkunft anmietete, gab es im Sommer Widerstand von Anwohnern. Verständnis dafür hat Christdemokrat Harig nur teilweise. "Wir können doch nicht mit der Chipstüte in der Hand vor dem Fernseher sitzen und zuschaun, wie die Leute vor Lampedusa ersaufen, und hier nichts tun", sagt er.

Für Harig steht fest, dass die Zahl der Asylbewerber noch lange nicht am Limit der Aufnahmefähigkeit der Region ist. "Auf 300 Einwohner im Kreis kommt ein Flüchtling", rechnet er vor. Weltweit seien zurzeit 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Deutschland nehme davon 200 000 auf.

Doch solchen Argumenten und Zahlen seien Rechtsradikale, die besonders in sozialen Netzwerken versuchten, gegen Asylbewerber Stimmung zu machen, ohnehin nicht zugänglich, so Harig. Um Verständnis werben müsse man bei denen, die sich davon anstecken ließen. Dabei lerne der Kreis auch dazu: "Die Menschen wollen keine großen Heime mit mehr als einhundert Bewohnern, das wollen wir versuchen zu berücksichtigen."

Dass jedoch auch eine vergleichsweise kleine Flüchtlingsunterkunft Ablehnung und offenen Hass hervorrufen kann, ist gerade in Senftenberg zu besichtigen. Dort soll das Schullandheim am Senftenberger See vorübergehend 70 Asylbewerber aufnehmen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz hat kein ähnlich großes, schnell bezugsfertiges und winterfestes Quartier zur Hand. Doch vor Ort wird die Unterbringung der Flüchtlinge am See regelrecht bekämpft.

Vor knapp drei Wochen wurde auf die Treppe des Landratsamtes "Wir wollen keine Ausländer" und "Volksverräter" gesprüht. Auf Baumstämmen am See und am Schullandheim selbst wurden Plakate mit der Forderung "Keine Asylanten in Senftenberg" angebracht. Zwei Wochen später wurde auf die Giebelwand des Heimes die Drohung gesprüht, das Haus abzufackeln. In der Nähe fand die Polizei einen erloschenen Brandsatz.

Der parteilose Landrat von Oberspreewald-Lausitz, Siegurd Heinze, sieht sich ähnlich wie sein Amtskollege Stephan Loge in Dahme-Spreewald inzwischen auch persönlichen Anfeindungen wegen der Unterbringung von Flüchtlingen ausgesetzt. Als er kürzlich eine Mail bekam, in der stand, dass man alle dafür Verantwortlichen erschießen sollte, erstattete Heinze Anzeige.

"Die fehlende Akzeptanz ist das Hauptproblem", sagt der Oberspreewald-Lausitz-Landrat. "Wenn die da ist, finden wir auch Quartiere." Es gebe in der Region noch genug Abrissblöcke und Gewerbeimmobilien, die als Unterkünfte dienen könnten.

Heinze vermutet, dass Rechtsextremisten bei der ablehnenden Stimmung eines Teils der Bevölkerung als geistige Brandstifter im Hintergrund agierten. Dazu kämen diffuse Ängste durch die aktuellen Probleme in vielen Teilen der Welt und ein gewisser Sozialneid nach dem Motto: "Die bekommen alles von meinen Steuergeldern". Sein Kreis wolle nun in Schipkau einen Aufgang mit 15 Wohnungen in einem Abrissblock anmieten. Auch da gebe es schon Unmutsäußerungen von Anwohnern. Heinze macht sich durchaus Sorgen über diese Stimmung. Doch er kündigt an: "Wir werden weiter offensiv damit umgehen." Den Kreisen bliebe auch gar nichts anderes übrig, denn die Zahlen der Schutzsuchenden werden nach allen Prognosen weiter steigen.

Neben den Hass-Attacken müssen sich die Landkreise auch mit handfesten praktischen Problemen bei der Unterbringung der Asylbewerber herumschlagen. Landräte in der Region, egal ob in Sachsen oder Brandenburg, bestätigen, dass die Zuweisungen der Länder für den Bau von Asylquartieren und für die laufenden Kosten zur Betreuung der Flüchtlinge nicht ausreichen.

"Die Leistungen müssen den realen Kosten angepasst werden", fordert Loge, Landrat in Dahme-Spreewald. Und sein Bautzener Amtskollege Michael Harig verweist darauf, dass die große Nachfrage die Preise bei Liegenschaften und Betreiberfirmen in die Höhe treibe: "Deshalb reicht die Investitionspauschale nicht, trotz Erhöhung."

Harig hat auch angeregt, bei der Landesregierung des Freistaates Sachsen eine Stabstelle für die Koordinierung aller Fragen der Betreuung von Asylbewerbern einzurichten. "Das geht ja weit über die Unterbringung hinaus", sagt Harig, der jedoch mit seinem Vorschlag noch kein Gehör fand. Dass sein Kreis trotzdem alle Anstrengungen unternimmt, um die Flüchtlinge gut unterzubringen, daran lässt er keinen Zweifel. Seine Begründung dafür ist denkbar knapp: "Es geht um Menschen."

Zum Thema:
Die Kommunen werden nicht nur durch die steigende Zahl neuer Flüchtlinge belastet, sondern auch durch die wachsende Dauer der Asylverfahren.Zuständig für die Asylverfahren ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte kürzlich, der Bund solle dort mehr Personal einstellen, um die Anträge zügiger zu bearbeiten. Ein Viertel aller Asylbewerber in Deutschland im Oktober kam aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Syrien. Obwohl nur in relativ wenigen Fällen politisches Asyl anerkannt wird, bekommt jedoch jeder dritte Antragsteller einen Schutzstatus, der ihm erlaubt, in Deutschland zu bleiben. Dazu gehört die Anerkennung als Kriegsflüchtling nach internationalen Konventionen oder ein Abschiebehindernis wie die Bedrohung mit religiöser Verfolgung, Folter oder Todesstrafe. sim

Kommentare via Twitter

@lr_online ist so wenn es dem Bürger scheiße geht da ist nicht viel mit na klar nehmen wir auf - Politik versagt - EU versagt

— thor38 (@cottbus1970) 12. November 2014