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| 01:36 Uhr

Sturmangriff in Kandahar

Die Taliban-Kämpfer kamen im Schutz der Dunkelheit. Gegen 22 Uhr zerriss ein ohrenbetäubender Knall die Stille der Nacht im südafghanischen Kandahar. Von Stefan Mentschel

Vor dem Tor des Gefängnisses am Stadtrand hatten Selbstmordattentäter einen mit fast zwei Tonnen beladenen Lastwagen in die Luft gesprengt. Die Wucht der Explosion zerstörte das Eingangsportal und riss mindestens neun Polizisten mit in den Tod. Dann rollte die zweite Angriffswelle. Bewaffnet mit Maschinengewehren und Mörsergranaten befreiten mehrere Dutzend Aufständische fast 900 Insassen aus der Haftanstalt, darunter 389 radikalislamische Gesinnungsgenossen.
Die Sicherheitskräfte schienen von dem Sturmangriff der Taliban in der Nacht zu Samstag völlig überrascht worden zu sein. "Die Attacke war von langer Hand geplant", sagte der Chef des Provinzrates von Kandahar, Ahmed Wali Karsai, eines Bruder von Präsident Hamid Karsai. Angreifer und Insassen hätten sich mit Mobiltelefonen abgestimmt.
Die unmittelbar nach Bekanntwerden des Ausbruchs eingeleitete Fahndung afghanischer und ausländischer Sicherheitskräfte blieb weitgehend erfolglos. Als Straßensperren errichtet und Hubschrauber in der Luft waren, hatten sich die Ausbrecher und ihre Befreier längst auf den Weg in die unwegsamen Berge der Region gemacht. Nach Angaben der Armee waren gestern erst 20 Flüchtige wieder gefasst. 20 Rebellen sollen bei der Fahndung getötet worden sein.
Sicherheitsexperten sehen in dem jüngsten Großangriff ein weiteres Zeichen für das Wiedererstarken der Extremisten in Afghanistan. Zwar versuchen die Taliban inzwischen, offenen Gefechten mit den Truppen aus dem Weg zu gehen. Allerdings haben Selbstmordanschläge und gezielte Überfälle erheblich zugenommen. Es sind vor allem Kandahar und die südlichen Provinzen an der Grenze zu Pakistan, in denen die Extremisten in den vergangenen Monaten an Boden gewannen. In dieser Region sind sie stark.
Bei der jüngsten Afghanistan-Konferenz in Paris haben die Geberländer nun weitere Milliarden-Hilfen zugesichert. Doch Vereinte Nationen und internationale Hilfsorganisationen stecken in einem Teufelskreis. Da es im Süden immer gefährlicher wird, bleiben UN-Mitarbeiter und die meisten ausländischen Helfer der Region aus Sicherheitsgründen fern. Doch ohne Wiederaufbau und Fortschritt schwindet das Vertrauen der Afghanen weiter - für die Taliban ein idealer Nährboden.
Präsident Hamid Karsai verlor nach dem Angriff in Kandahar kein Wort über die schleppende Entwicklung. Vielmehr forderte er eine Stärkung der Sicherheitskräfte. Zudem machte er wieder einmal den Nachbarn Pakistan für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Tausende Taliban-Kämpfer würden von dort nach Afghanistan "entsandt". Ausdrücklich verteidigte Karsai Angriffe auf Aufständische im Nachbarland. "Afghanistan hat das Recht, Terroristen-Nester auf der anderen Seite der Grenze in einem Akt der Selbstverteidigung zu zerstören."