"Wir wollten den Machtapparat beseitigen und einfach eine gerechte, solidarische Gemeinschaft", erzählt Barbara Sengewald.

Am Morgen des 4. Dezember 1989 hat sie mit anderen Bürgerrechtlern und vielen bisher politisch kaum engagierten Frauen und Männern die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt gewaltlos besetzt - die erste in der zerfallenden DDR.

Etwa 500 Erfurter stellten sich den Stasi-Offizieren in den Weg und versuchten, die seit Tagen anhaltende Vernichtung von Akten und Spitzelberichten zu unterbinden. Darunter ist als einer der Ersten ein Lastwagenfahrer, der sein Fahrzeug quer zur Ausfahrt stellt, damit keine Transporte mit verbrannten Dokumenten den Hof verlassen können.

"Es waren so viele, die verändern wollten und ihre Angst überwanden, darunter der alte Rentner mit der Armbinde in der Bürgerwache, die junge Frau mit dem Baby auf dem Arm. Dies war genauso viel wert wie wir, die wir schon länger dabei waren", erinnert sich die heute 61-Jährige.

"Es war eine revolutionäre Zeit, heute undenkbar." Und es waren Tage, in denen immerzu Neues über das alte, korrupte und marode SED-Regime ans Licht kam: Am 3. Dezember traten das Zentralkomitee und das Politbüro der SED geschlossen zurück. Die überregionale Initiativgruppe des Neuen Forums im Haus von Robert Havemann bei Berlin erarbeitete daraufhin ein Flugblatt mit dem Tenor "Leute seid wachsam!"

Der spätere Thüringer Landtagsabgeordnete Matthias Büchner brachte es mit nach Erfurt, wo es im Haus des späteren Oberbürgermeisters Manfred Ruge (CDU) vervielfältigt wurde.

4000 Flugblätter seien noch in der Nacht zum 4. Dezember in die Briefkästen verteilt worden, sagt Sengewald. Danach überschlugen sich die Ereignisse.

Die einzelnen, miteinander vernetzten Bürgerinitiativen versuchten, auf legalem Weg beim amtierenden Oberbürgermeister, bei Polizei und Staatsanwaltschaft die Aktenvernichtung zu stoppen. "Nicht, weil wir ihnen vertrauten, wir wollten sie benutzen", sagt Sengewald. Ohne Erfolg - es blieb nur die unblutige Besetzung der Machtzentrale.

Diese Besetzung sei das Signal gewesen für den Beginn einer regelrechten Besetzungswelle im ganzen Land, bewertet der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, die Aktion. "Damit machten die Menschen aus der friedlichen Protestbewegung eine friedliche Revolution." Diesen mutigen Männern und Frauen sei es zu verdanken, dass die Menschen bis heute in die Akten schauen können, die die Stasi über sie angelegt hat. Und auch, dass Forschung, Bildung und Medien die Akten nutzen können, um aufzuklären über die SED-Diktatur und die Herrschaftsmechanismen der DDR.

"Die SED habe die Stasi ,geopfert', um von sich abzulenken", erklärt der Politikwissenschaftler Peter Wurschi von der Stiftung Ettersberg in Weimar. Noch am selben Abend wurden damals in Suhl und Leipzig die Stasi-Zentralen besetzt. Die anderen Städte folgten, am 15. Januar 1990 Berlin. Gera als dritte Bezirksverwaltung in Thüringen sei einen anderen Weg gegangen. Dort habe sich die Stasi am 5. Dezember quasi selbst aufgelöst. Ein Bürgerkomitee versuchte, mit den Stasi-Mächtigen einen Stopp der Aktenvernichtung auszuhandeln. Es habe jedoch nicht mit dem großen Einfluss aus Berlin gerechnet.

"Wir Laien hatten nicht die geringste Ahnung von Geheimdiensten und wollten einen Geheimdienst auflösen", konstatiert Barbara Sengewald, die sofort nach der Besetzung als Leiterin einer Untersuchungsgruppe des Bürgerkomitees in Betrieben versteckte Stasi-Überwachsungstechnik etwa in der Post aufdeckte.

Die Stasi als letzte Machtbastion habe einen Tag gebraucht, um sich hinter dem Rücken der Bürgerrechtler neu zu organisieren - und weiter Dokumente vernichtet. "Aber wir konnten Nadelstiche setzen. Und wir konnten zeigen, dass Mut und Zivilcourage sich lohnen."