"Ja, drei Viertel meines Lebens sind rum", sagt Dieter Friese. "Darüber habe ich in letzter Zeit mit Blick auf meinen nahenden 60. öfter nachgedacht." Schwierig werde es, anzupacken, was er bisher nicht geschafft hat. Aber er wolle, so ihn seine Partei aufstellt, zur ersten Direktwahl der Landräte in Brandenburg im Spree-Neiße-Kreis noch einmal antreten.Dass er auch dafür jede Menge Kraft aus seiner Sturheit schöpft, räumt Friese jungenhaft grinsend sofort ein. Dies komme zwar auf dem politischen Parkett nicht immer gut an, doch die Zufriedenheit über die Ergebnisse überwiege.In der 1000-jährigen Fischerstadt Nienburg an der Saale wuchs Dieter Friese in armen Verhältnissen auf. Vom Kohlemüller arbeitete sich der Vater zum Betriebswirtschaftler eines Leuchtenwerkes hoch. Die Mutter war Verkäuferin.Familie Friese stammt aus dem Sudetenland. "Ich weiß, was Vertreibung heißt, sagt der Landrat. Deshalb störe es ihn, wenn dieser Begriff im Zusammenhang mit Umsiedlungen im Zuge der Tagebauerschließung "missbraucht wird".Die Liebe zur KücheFriese selbst wurde nicht umgesiedelt. Doch Ortswechsel hat auch er schon viele hinter sich, bevor er in der Lausitz Wurzeln schlug. Wohl fühle er sich hier. Die Menschen in seiner Heimatregion, der Magdeburger Börde, "sind so herb wie die nicht sehr schöne Landschaft". Den Lausitzern werde diese Schroffheit auch nachgesagt.Die humorvolle Seite des Spree-Neiße-Landrats blitzt auf, wenn er über seine Schulzeit in Bernburg spricht. Die Eulenspiegelstadt habe offensichtlich seine Liebe zur guten Küche geweckt, sagt der leidenschaftliche Hobbykoch und Bäcker. Die Legende vom Türmer, der auf dem Wachposten der Burg vergessen worden war, während im Hof alle schlemmten, erzählt Friese sichtlich vergnügt. Alarm auslösen, um sich dann selbst ungestört auf die vollen Teller zu stürzen, sei keine schlechte Idee gewesen.Gelegentlich dürfe ihm seine Frau den Platz in der heimischen Küche in Maust streitig machen. Am Wochenende schwinge er den Kochlöffel aber immer selbst, sagt Friese. Für Freunde und die Familie. Schon als Student an der Hochschule für Architektur und Bauwesen habe er, der Klubleiter, für die ganze Mannschaft gekocht. "Nach dem Aufräumen saßen wir beim Essen zusammen.""Ich bin ein 68er-DDR-Verschnitt", sagt der Landrat. Katholisch erzogen und die Vertreibung der Familie aus der Heimat praktisch mit in die Wiege gelegt, habe er Kontakte und Freundschaften in Tschechien gepflegt und so auch den Prager Frühling miterlebt. Dies habe ihn geprägt - und ihn in der DDR in seiner Nische abtauchen lassen.Trotz eines hervorragenden Abschlusses als Bauingenieur war sein Ende auf der Karriereleiter im Chemie-Dreieck um Halle schnell erreicht. "Ich wollte promovieren. Doch dann hätte ich Mitglied in der SED werden müssen. Das kam für mich nicht in Frage." Nach seinem Pflichtwehrdienst bei den Grenztruppen der Nationalen Volksarmee habe er die Gelegenheit bekommen, die Zwischenbetrieblichen Organisation (ZBO) in Schönfeld bei Bernau zu projektieren.Gegen Krenz demonstriert"Ich hatte einen tollen Job", erzählt Friese, "ein Haus, meine Kinder, die Familie." Er habe Ställe, Hallen und Kartoffellager entworfen - auf einer Zeichenmaschine von Reiss Bad Liebenwerda. Das Reißbrett hatte Friese gegen Spanferkel und Bierfass eingetauscht.Und die Politik? Diskussionen seien nur im engen Freundeskreis geführt worden, der immer kleiner geworden sei, weil viele ausreisten. "Unser geflügeltes Wort zum Jahreswechsel war ‚und nächstes Jahr in Jerusalem'", erinnert sich Friese. "Im Jahr 2007 bin ich dann wirklich dort gewesen."Landrat Friese, der 2001 die Abschiebung zweier kosovarischer Familien verweigerte und damit gegen seinen Innenminister aufbegehrte, hat es der Obrigkeit nie leicht gemacht. Mitte der 80er-Jahre beantragte er bei der Bezirksleitung Urlaub im österreichischen Linz. Zwischen der DDR und Österreich gebe es kein Abkommen, durch das DDR-Bürger beschützt werden könnten, bekam Friese zur Antwort.Er sei öffentlich zwar in keiner Weise in Erscheinung getreten. Seine Stasi-Akte spiegele seinen Lebensweg trotzdem seit der Weimarer Studienzeit lückenlos wider. "Die Informationen können nur aus dem engsten Kreis stammen", sagt Friese, der seiner Akte entnommen habe, dass er im März 1990 verhaftet werden sollte. Er wolle nicht wissen, wer über ihn berichtet hat. "Die Angst vor der Enttäuschung ist zu groß."Friese, der über private und Kontakte zur Kirche zum Neuen Forum gekommen war, saß plötzlich mit am Runden Tisch. "Es war wie eine Befreiung. Und es gab kein Zurück. Trotzdem trieb uns manchmal nur der Mut der Verzweiflung voran", sagt Friese. Er sei einer von 300 Menschen gewesen, die in Berlin gegen die Einsetzung von Egon Krenz als Staatsratsvorsitzenden nach Honecker vor das Staatsratsgebäude gezogen waren. "Ich saß danach ratlos im Zug nach Hause und dachte, wir sind so wenige. Erst als ich am Abend im Fernsehen die Bilder aus Leipzig gesehen hatte, war ich wieder sicher, dass es sich lohnt, weiter zu machen." Jeder Tag sei ein Galopp durch die Zeit gewesen."Kein kalter Bürokrat"Im Februar 1990 trat Friese in die SPD ein, weil er Leuchtfiguren westdeutscher Politik wie Willi Brand und Helmut Schmidt bewunderte. Er selbst wurde Politiker. Nach der ersten freien Kommunalwahl war er Landrat in Bernau. "Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukam." Sein Chef im Betrieb sagte nur: "Was du in deiner Freizeit machst, ist deine Sache. Aber die Arbeit darf nicht darunter leiden", erzählt Friese lachend. So halte er es bis heute, auch wenn der ZBO-Leiter dies damals anders meinte.Am ersten Arbeitstag im Landratsamt wollte ihn der Pförtner nicht einlassen. Menschlich sei es sehr schwierig gewesen. Die Verwaltung musste neu strukturiert, Mitarbeiter entlassen werden.Der erste Koalitionsvertrag zwischen der SPD und der CDU in Bernau passte auf einen Bierdeckel. Andreas Neue, Christdemokrat und Pathologe im Kreiskrankenhaus Bernau: "Zwei Häuser stehen darauf. Friese wollte das Gymnasium, ich das Krankenhaus." Beide Einrichtungen seien, auch gegen Widerstände aus Potsdam, auf den Weg gebracht worden. Neue sagt, Frieses Postenwechsel als Landrat sei für den Barnim ein Verlust, für Spree-Neiße ein Gewinn. "Friese ist ein Kämpfer, kein kalter Bürokrat."Angeeckt ist der heutige Spree-Neiße-Landrat schon oft in seiner politischen Laufbahn. Im Barnim hat ihm das seinen Job gekostet. "Aber wenn ich einen Weg als richtig erkannt habe, gehe ich ihn auch", sagt Dieter Friese, der Kämpfer. Und er wolle es noch einmal wissen.