Auch einen Tag später ergibt sich noch kein halbwegs stimmiges Bild. Klar aber, die Geschichte klingt unfassbar. Ein 55-jähriger sächsischer Polizist soll einen 59-jährigen Mann ermordet haben.

Noch unfassbar sind die Umstände der Tat, die in eine dunkle Szene führen. Zwei Tage nachdem die Polizei Leichenteile auf einer Wiese im Osterzgebirge fand, deutet alles auf "Mord wegen Befriedigung des Geschlechtstriebs" hin. So lautet die Anklage gegen den Tatverdächtigen. Der mutmaßliche Täter ist Kriminalhauptkommissar beim Landeskriminalamt (LKA) in Dresden. Den Vorgesetzten stand gestern das Entsetzen in den Gesichtern.

Bei einer Pressekonferenz sprach Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll am Vormittag von einem "bizarren Fall", mit dem "mehrere Grenzen überschritten wurden". Nach ersten Hinweisen müsse man von einem "perversen Zusammenhang" ausgehen, so Kroll.

Oberstaatsanwalt Erich Wenzlick geht davon aus, dass es sich um den Tatbestand der Tötung auf Verlangen handelt. Genaueres sei aber noch nicht bekannt. Aufschluss geben kann nur der 55-jährige Verdächtige. Der Kriminal-Sachverständige wird derzeit noch befragt. Er selbst hat seinen Kollegen offenbar Hinweise auf den Fundort der Leiche gegeben. Der Beamte arbeitete als Schriftsachverständiger im Kriminalwissenschaftlichen Institut des Landeskriminalamtes - war also direkt mit Mordermittlungen befasst.

Noch am Mittwoch, nach dem Fund der verscharrten Leichenteile, wurde er am Arbeitsplatz im LKA festgenommen. Die Tat hat er zugegeben. Nach ersten Befragungen, so die offizielle Information, habe er auch den Tathergang erklärt.

Das Opfer, ein 59-jähriger Geschäftsmann aus Hannover, hat er demnach bei einem verabredeten Treffen mit einem Messer getötet, indem er ihm die Kehle durchschnitt. Besonders bizarr daran: Das Opfer wollte das offenbar so.

Der Mann aus Hannover war bei der dortigen Polizei seit Wochen als vermisst gemeldet. Die Spur führte die niedersächsischen Beamten via Mail- und SMS-Kontakte in einschlägige Internetforen. Und damit auch zum Tatverdächtigen. Der gab inzwischen an, dass er das Opfer im Internet kennengelernt habe.

Beide Männer haben sich demnach am 4. November in einer Pension in Reichenau getroffen, wo der eine den anderen um-brachte. "Die Verabredung war, dass die Tötung unmittelbar erfolgen sollte", sagte Kriminaldirektor Maik Mainda gestern.

Nach dem Mord zerstückelte der Täter die Leiche und verscharrte die Teile. Das soll vier bis fünf Stunden gedauert haben.

Wesentlicher Teil der Ermittlungen ist zunächst das Zusammensetzen. Denn nur so kann ein weiterer grausamer Verdacht ausgeräumt werden: Dass bei der Tat Kannibalismus im Spiel war.

Diesen Vorwurf bestreitet der Verdächtige. Erste Erkenntnisse über das Opfer legen indes den Kannibalismus-Verdacht nahe. Der 59-Jährige, der auf entsprechenden Internetforen nach Gleichgesinnten suchte, hatte demnach schon länger mit dem Gedanken gespielt, sich töten und auch essen zu lassen. Schon als Jugendlicher soll er solche Fantasien gehabt haben.

Anfang Oktober nahm er Kontakt mit dem Dresdner Polizisten auf. Der Fall erinnert an den des "Kannibalen von Rotenburg", der 2002 verhaftet wurde.

Der Mann hatte sich 2001 mit einem Mann zu einer perversen Mordtat verabredet. Dem Opfer schnitt er zunächst den Penis ab und tötete ihn einige Stunden später durch einen Messerstich am Hals. Teile des Leichnams hat sich der Täter danach eingefroren, um sie zu verzehren. All das zeichnete der Täter auf Video auf. So weit scheint der sächsische Polizeibeamte nach bisherigen Ermittlungen nicht gegangen zu sein. Er sitzt zur Zeit in Untersuchungshaft. Eine Sonderkommission "Pension" ermittelt nun den Hergang der Tat. Die Pension, in der sich die Tat ereignet haben soll, gehört dem Verdächtigen. Weil sie gerade renoviert wird, waren keine Gäste dort.