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| 02:41 Uhr

Studie: Lehrer erkennen Mobbing nur selten

Das Team um BTU-Professor Ludwig Bilz hat herausgefunden, dass es nicht immer die brutalen Schlägereien oder gar Amokläufe sein müssen, die Spuren hinterlassen.
Das Team um BTU-Professor Ludwig Bilz hat herausgefunden, dass es nicht immer die brutalen Schlägereien oder gar Amokläufe sein müssen, die Spuren hinterlassen. FOTO: dpa
Senftenberg. Hänseln, sticheln, prügeln – Mobbing ist in Schulen oft Alltag. Dazu haben Wissenschaftler der BTU geforscht und Neues herausgefunden. Jan Augustin

"Ich wurde selber eine Zeit lang gemobbt. Da bin ich zu den Lehrern hin und habe die Antwort bekommen: ‚Hör einfach nicht drauf, ignoriere es, dann hören die von ganz alleine auf‘. Ich fand das richtig dumm von dem, denn die Lehrer sind schließlich da, um zu helfen und nicht dafür zuständig, es zu ignorieren und auf uns einzureden. Deshalb habe ich es umgedreht und habe selber mit dem Beleidigen angefangen. Es wäre eventuell nicht dazu gekommen, wenn die Lehrer etwas dagegen gemacht hätten."

Ein 14-jähriges Mädchen aus einer sächsischen Schule hat diese Zeilen geschrieben. Veröffentlicht sind sie in dem Buch "Gewalt und Mobbing an Schulen". Alle Kapitel des Bandes beginnen mit einem kurzen, persönlichen Erfahrungsbericht. Mitautorin der Studie Saskia Fischer bleiben aber besonders diese Sätze einer Jugendlichen in Erinnerung. Täter-Opfer nennt die BTU-Wissenschaftlerin diese seltene, aber "besonders problematische" Personengruppe.

1,4 Prozent der Schüler in Deutschland weisen laut Prof. Dr. Ludwig Bilz dieses Verhaltensmuster auf: erst Opfer, dann Täter. Häufiger sind mit je etwa acht Prozent die Schüler, die schon einmal eine Täter-, beziehungsweise eine Opfererfahrung gemacht haben. Insgesamt aber, auch das habe die Studie gezeigt, gebe es einen Rückgang bei den meisten Gewaltformen, sagt Bilz. Der 39-jährige Dresdner leitet seit April vorigen Jahres das neu gegründete Fachgebiet Pädagogische Psychologie in Gesundheitsberufen in Senftenberg.

Trotz dieser Entwicklung besteht weiterhin Grund zur Sorge. Denn Ludwig Bilz, Saskia Fischer und Prof. Dr. Wilfried Schubarth von der Universität Potsdam haben auch herausgefunden, dass es nicht immer die brutalen Schlägereien oder gar Amokläufe sein müssen, die Spuren hinterlassen. "Im Schulalltag sind eher viel weichere Gewaltformen vorhanden", erklärt Ludwig Bilz. Zum Beispiel, wenn ein Schüler von einer Gruppe über einen längeren Zeitraum gehänselt wird. Der Psychologe warnt: "Die Erfahrung, ein Opfer des Mobbings zu sein, kann verheerende Folgen haben - unter anderem Depressionen, psychosomatische Beschwerden und Suizidgedanken."

Doch was machen Lehrer eigentlich, wenn sie Mobbing bei ihren Schülern erkennen? Auch diese Frage war Gegenstand der Untersuchung an sächsischen Schulen mit mehr als 2000 Schülern und 550 Lehrkräften. "Die meisten Lehrer, leider nicht alle, greifen ein", sagt Ludwig Bilz. Fast 80 Prozent der Pauker gaben demnach an, in Mobbingfälle, deren Zeuge sie geworden sind, einzuschreiten. Von den Schülern wurde das für 70 Prozent der Mobbingfälle bestätigt.

Die Forscher unterscheiden drei Formen: Entweder der Lehrer greift minimal ein, indem er das Intermezzo zum Beispiel mit einem "Stopp" unterbindet. Oder zweitens: Der Lehrer unterstützt die Opfer, indem er mit den Schülern spricht und tröstet. Und drittens: Er setzt auf eine langfristige Lösung, in dem er andere Schüler, Kollegen und die Eltern mit ins Boot holt. "Kooperative Intervention" nennen das die Wissenschaftler. Für Bilz ist es auch die zielführendste Methode. Allerdings werde sie am seltensten angewandt - in nur etwa 18 Prozent der Fälle. "Grenzen aufzeigen reicht nicht. Zusätzlich muss etwas langfristig gemacht werden", sagt der Psychologe. Dass ein Lehrer aber sofort eingreift, sei dennoch wichtig.

"Es ist kein Wunder, dass die ergriffenen Maßnahmen oftmals verpuffen und nicht die erhoffte Wirkung erzielen. Auf Dauer wirksamer ist es, die gesamte Klasse und das Kollegium einzubeziehen", erläutert Bildungsforscher Schubarth. Bisher würden Hilfsangebote für Einzelne in der Praxis dominieren, während nur knapp 20 Prozent der Schülerschaft von kooperativen Angeboten berichten. Rund 30 Prozent hätten autoritäre Reaktionen durch Lehrkräfte beobachtet.

Bei der Frage, wie gut die Lehrer Mobbingfälle bei ihren Schülern erkennen, kommen die Autoren zu einem erstaunlichen Ergebnis: "Die Trefferquote war sehr gering", bilanziert Bilz. Bei besonders leistungsstarken und bei -schwachen Schülern sei der Täterstatus hingegen besser erkannt worden.

Aufgezeigt haben Ludwig Bilz und sein Team zudem, dass Lehrkräfte besonders dann intervenieren, wenn ihr Verständnis von Gewalt breit ist und sie beispielsweise soziale Ausgrenzung und Hänseleien auch als Gewalt betrachten. "Lehrer, deren Verständnis für Gewalt sich auf körperliche Gewalt beschränkt, greifen seltener ein", fasst Bilz zusammen. Das habe Folgen für die Schüler: In den Klassen, in denen Lehrer ein breites Gewaltverständnis besitzen, gebe es deutlich mehr Mädchen und Jungen, die bei einer Mobbing-Situation einschreiten würden.

"Wir empfehlen deshalb die Arbeit am Gewaltverständnis der Lehrer und Schüler, um so die Sensibilität zu erhöhen", sagt Ludwig Bilz.

Zum Thema:
Gegenstand der Pädagogischen Psychologie an der BTU sind Erziehungs- und Sozialisationsprozesse in verschiedensten Kontexten und Altersphasen. Als angewandte Wissenschaft beschränkt sie sich nicht nur auf die Beschreibung und Erklärung - sie soll auch für die Praxis tauglich sein. Enge Bezüge bestehen zur Entwicklungspsychologie, Klinischen Psychologie und Erziehungswissenschaft.