Von Jan Siegel und
Christian Taubert

Maroš Šefcovic staunt nicht schlecht. Nach dem Kraftwerk Jänschwalde und der BTU Cottbus-Senftenberg kommt der Vizepräsident der EU-Kommission und Energiekommissar am Mittwoch auf das Dekra-Testgelände in Klettwitz. Dort rollt er im Fahrerlager vor der imposanten Lausitzring-Tribüne vor und erfährt, dass er sich auf dem ehemaligen Gelände des Tagebaus Meuro befindet. Noch mehr begeisterte den EU-Kommissar offenkundig aber, was er vom Leiter des Dekra Technology Centers am Lausitzring Volker Noeske erfuhr: „Was wir hier an Tests und Innovationen gesehen haben, überzeugt mich, dass die Lausitz einen wichtigen Beitrag zur modernen Mobilität leisten wird“, erklärte Šefcovic, nachdem er per Elektroauto die Rennstrecke unter die Pneus genommen hatte.

Brandenburgs Minsterpräsident Dietmar Woidke (SPD), der den EU-Energiekommissar erst vor vier Wochen in Brüssel zum Besuch in die vom Strukturwandel betroffene Lausitzer Kohle- und Energieregion eingeladen hatte, zeigte sich von Šefcovics Tempo beeindruckt. „Hier am Lausitzring stehen die Lichter auf Grün“, würdigte der Regierungschef das Engagement von Dekra an diesem Standort und zeigte sich mit dem EU-Kommissar auf einer Wellenlänge. Es gehe hier um die automobile Zukunft für die ganze Welt. Woidke fügte hinzu: „Ich bin froh, dass wir uns davon überzeugen konnten, welche Chancen die Entwicklung zur Test- und Rennstrecke für die Zukunft der Lausitz bietet.“

Energiekommissar Šefcovic hat nach seinen Gesprächen mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Berlin die Einladung Woidkes gern angenommen und den Besuch in der Lausitz nicht auf die lange Bank geschoben. Vor allem sollte das einflussreiche Kommissionsmitglied ein Gefühl bekommen für jene Kohleregion nahe der polnischen Grenze, die mit dem Ausstieg Deutschlands aus der Braunkohleverstromung vor einem durchgreifenden wirtschaftlichen Wandel steht. In Europa betrifft das insgesamt sieben Mitgliedstaaten mit insgesamt 41 Kohleregionen, auf die auf mittlere Sicht der Strukturwandel zukommt.

Welche Energie und welches ökonomische Potenzial in der Lausitz stecken, das erlebte er sodann im Kraftwerk Jänschwalde, an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg und eben auf dem Lausitzring. Vom Know-how, das noch immer in einem Großkraftwerk wie Jänschwalde steckt, zeigte sich Šefcovic nach Rundgang und Gesprächen sichtlich beeindruckt. Und er erfuhr, dass das infrastrukturell voll ausgebaute Industriegebiet unweit der Fischerstadt Peitz (Spree-Neiße)  auch nach dem Ende der Braunkohleverstromung ein wichtiger Industriestandort bleiben und den Kern bilden soll für neue wirtschaftliche Aktivitäten in der Region.

Dem EU-Kommissar, der eine Schlüsselposition beim Aufbau eines eigenen, starken Energie- und Speichermarktes in Europa einnimmt, wurde zuvor beim Besuch der BTU deutlich, welch exzellentes fachliches Potenzial in der Region vorhanden ist. In Zusammenarbeit mit den Kraftwerksexperten zeigten dort Professoren des Energie- und Speicher-Lehrstuhls der Lausitzer Universität, an welchen zukunftsweisenden Projekten in Sachen Energie sie arbeiten. Ob Energieerzeugung, Speicher, Mobilität oder Vernetzung: Die BTU-Experten und ihre Mitarbeiter arbeiten weltweit an Spitzenprojekten mit.

Und dass EU-Kommissar Šefcovic Bescheid weiß auf seinem Arbeitsfeld, zeigte ein Fachdialog mit Professor Harald Schwarz, der sich mit der Steuerung und Regelung der Stromnetze der Zukunft beschäftigt. Wenn es nämlich um die intelligente Vernetzung von Speichern (Batterien) beispielsweise in Elektroautos oder Solaranlagen von Einfamilienhäusern geht, fehlen bisher fast alle Standards. Eine großflächige Vernetzung von Speicherkapazitäten würde damit zum Hürdenlauf, stimmten Šefcovic und Schwarz überein.

Als der 42-jährige Slowake Šefcovic schon auf der Autobahn Richtung Flughafen ist, zeigt sich Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach vom Besuch und dem empathischen Auftreten des Mannes angetan. Šefcovic verbreite Zuversicht, fordere aber auch, dass in den Regionen und Mitgliedsländern etwa infrastrukturelle Hausaufgaben erledigt werden, die die EU nicht fördert.