Ende Mai zeigte der Sächsische Bergsteigerbund (SBB) bei der Polizei in Pirna den Verlust von acht Ringen an. Diese fehlen jedoch in keiner Ausrüstung, sondern steckten bis zu ihrem Verschwinden im Berg. Laut einer Auflistung des Vorstandmitgliedes Ludwig Trojok wurden wesentlich mehr Ringe aus den Felsen gezogen. Jede entfernte Kletterhilfe schadet nicht nur dem porösen Gestein, sondern hinterlässt auch Spuren im sächsischen Kletterverständnis.

Im Mittelpunkt des Glaubenskampfes steht die Auseinandersetzung zwischen Traditionalisten und Modernisten um die noch möglichen Erstbesteigungen. Denn die rund 1100 Gipfel im etwa 400 Quadratkilometer großen deutschen Teil des Elbsand-steingebirges sind seit mindestens 50 Jahren alle längst erklommen und das zum Teil mehrfach. Immerhin sind fast 20 000 Wege bekannt, erklärt Trojok.

So werden durch die Arbeitsgemeinschaft Neue Wege des SBB auch höchstens zehn Prozent der jährlich rund 300 angemeldeten Erstbegehungen anerkannt. "Nur einen neuen Ring in bestehende Wege zu schlagen, zählt nicht, denn ein Weg braucht Raum zum Atmen", erklärt er. Und an dieser Stelle der Argumentation setzen offenbar die Ringzieher an.

"Wirklich neue Wege sind heutzutage nur noch unter schwierigsten Bedingungen zu gehen", sagt Kletterer Enrico Wolff von einem Outdoor-Ausrüster aus Berlin. Dazu könne sich ein Bergsteiger beispielsweise abseilen, dabei neue Ringe in die Wand schlagen und den Berg von unten neu erklimmen. Erreicht er auf dem neu abgesteckten Weg den Gipfel, stehen die Chancen gut. Doch diese Methode lehnen die Traditionalisten offenbar ab. "Ein Berg wird von unten begangen, lautet deren Credo", erklärt Wolff.

Zudem soll nach alter Sitte auf einem Weg nur etwa alle vier Meter ein Ring gesetzt werden. "Dazu muss der Bergsteiger aber festen Stand haben und darf nur beidhändig arbeiten", erklärt der Sprecher der Polizeidirektion Oberes Elbtal-Osterzgebirge und Hobbykletterer Wolfgang Kießling. Und wenn das nicht gehe, ist nach altem Verständnis eben Schluss an der Stelle.

Allerdings sei das Ziehen der neugesetzten Haken durch die Puristen nicht ganz ungefährlich. Dann ende ein Fehltritt im schlimmsten Fall erst nach rund acht Metern Fall - dann nämlich, wenn der nächste traditionell gesetzte Ring greife, erklärt Kießling. So dienten zusätzlich Ringe auch der Sicherheit. Denn nicht wenige der aktiven Kletterer kennten bislang nur wind- und sonnengeschützte Kletterhallen, deutet Trojok ein Problem an.

Doch auch wenn zumindest hinter vorgehaltener Hand die Vertreter beider Parteien nicht gänzlich unbekannt sind, ein klärendes Gespräch scheint derzeit unmöglich. "Die Ringzieher verweigern sich dem", erklärt Trojok. Im Internetforum des SBB klagt ein Mitglied, dass die Anzeigen den Dialog unmöglich machten. Trojok will den Konflikt nicht weiter dramatisieren. Zwar sei die Sache längst kein Kletterkrieg, doch eben ein höchst "unerfreulicher Akt", sagt er.

In einem Brief an die rund 9000 Vereinsmitglieder äußerte er Ende Juli daher Verständnis für die Puristen. "Rücksichtslose Erschließer schaffen in hohem Tempo Fakten, (...) ohne die Sensibilität für vorhandene Kletterwege aufzubringen", heißt es in den Schreiben. Die Gremien hingegen redeten nur, so dass "Sorge um das weitere Bestehen des Sächsischen Kletterns" durchaus erkennbar sei. "Es gibt kein Grundrecht auf Erstbegeher", deren Zahl Trojok auf etwa 15 schätzt.

Jedem müsse klar sein, dass die Erschließung der Sächsischen Schweiz "irgendwann zu Ende sein wird", blickt Trojok voraus. Der Brief schließt mit einer Auflistung der betroffenen Kletterwege. Es sind 21, auf denen laut Trojok mittlerweile 50 Ringe fehlen.