Herr Cohn-Bendit, sind die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei noch zu retten?
Ja.

Und wie?
Man muss Politik machen. Auch wenn die einen die Türkei in die Europäische Union aufnehmen und die anderen dies nicht wollen, gibt es eine gemeinsame Position: Wir führen Beitrittsverhandlungen! Zypern allerdings als Zankapfel auszuwählen, ist idiotisch. In dieser Frage ist die Türkei genauso in einer Bringschuld wie die EU.

Also alles nur vorgeschoben?
Ja. Es steckt dahinter, dass die CDU die Türkei nicht in der EU sehen will. Frau Merkel sollte mal wieder nach Rom zum Papst fahren, um sich neue Instruktionen zu holen.

Ganz so einfach ist es nicht. Die Türkei weigert sich, ihre Häfen und Flughäfen für Schiffe und Flugzeuge aus dem EU-Staat Zypern zu öffnen. Wie muss die EU darauf reagieren?
Die Türkei muss Häfen und Flughäfen aufmachen, und es muss gleichzeitig ein Hafen und Flughafen in Nordzypern geöffnet werden für Waren aus der EU. Von mir aus unter EU-Verwaltung. Es ist nicht einzusehen, warum die griechischen Zyprioten darüber bestimmen können. Das wäre ein Deal, den man anbieten könnte.

Wer verhält sich in dieser Türkei-Frage klüger, Frau Merkel oder Herr Steinmeier?
Frau Merkel hat sich nicht schlau verhalten. Sie hat ein Datum genannt, wonach in 18 Monaten über eine mögliche Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen entschieden werden soll. Das hat sie zwar zurückgenommen. Frau Merkel sollte sich in solchen Fragen enger abstimmen mit ihrem Außenminister. Das hat sie nicht gemacht. Sie hat den kleinen Schröder gespielt und das war nicht klug.

Glauben Sie, dass die Bundesregierung in der Lage sein wird, während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Jahr eine Vermittlerrolle einzunehmen?
Wenn Herr Steinmeier die Gespräche führt, kann Deutschland durchaus als Vermittler auftreten. Wenn es aber die Hardliner aus CDU und CSU sind, dann nicht. Es wird ein Hin und Her geben. Das ist der Preis der großen Koalition.

Wann wird für Sie die EU-Ratspräsidentschaft der Deutschen ein Erfolg sein?
Die Intelligenz der deutschen Ratspräsidentschaft wird sich messen an dem, was die anschließende Präsidentschaft mit den Ergebnissen anfangen kann. Ein Erfolg ist zum Beispiel, wenn am Ende der deutschen Präsidentschaft ein neuer Verfassungskonvent einberufen wird. Ein Erfolg wäre auch ein Klimastabilitätspakt, mit dem die Kommission ganz klar befähigt wird, die Länder, die die CO 2 -Reduktion nicht einhalten, in einem Verfahren analog zum Stabilitätspakt zur Rechenschaft zu ziehen. Die Lösung der Türkeifrage ist für die deutsche Präsidentschaft allerdings völlig unwichtig - dieser Prozess wird noch zwölf Jahre dauern.

Mit DANIEL COHN-BENDIT sprach Hagen Strauß