Fremden blieb der Einblick in die Aktenordner mit Aufschriften wie "Auschwitz", "Bergen-Belsen" und "Buchenwald" bislang verwehrt. Um den Zugang zu den Akten voller Häftlingslisten, Arbeitskarten und Sterbeurkunden entspannte sich deshalb eine heftige internationale Kontroverse.
"Wir sperren uns nicht gegen eine Öffnung des Archivs für die historische Forschung", sagt ITS-Sprecherin Maria Raabe. Dazu fehle aber bisher der rechtliche Rahmen. Auftrag des Suchdienstes sei seit 1955 nur das Sammeln, Ordnen, Aufbewahren und Auswerten der Dokumente. Wenn Forscher einen Zugriff erhalten sollten, könne dies nur mit Zustimmung der Elf-Staaten-Kommission geschehen, die die Arbeit des Suchdienstes überwacht. Werde das Archiv geöffnet, müssten die Datenschutzrechte der Betroffenen beachtet werden, die in Europa strenger als in den USA seien. Viele Dokumente enthielten heikle Angaben zur Privatsphäre, etwa über Krankheiten oder Homosexualität. "Es gibt Sachen, die man nicht zeigen kann", betont Raabe.
"Wir wollen einen selbstständigen Einblick in die Akten", sagt die Archivarin der Gedenkstätte des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald, Sabine Stein. "Wir haben nie Zugang erhalten." Zu Buchenwald verfüge der Suchdienst über 90 Prozent der Originalakten. "Viele Dinge bleiben für uns ungeklärt." Ein in den 70er-Jahren geplanter Dokumentenaustausch sei ebenso wenig zu Stande gekommen wie die Öffnung des Archivs, schildert Stein. "Für meine Begriffe mit fadenscheiniger Begründung." Für viel Geld habe die KZ-Gedenkstätte schließlich Kopien der Akten gekauft, die die USA in den 50er-Jahren vor Übergabe der Dokumente an den Suchdienst angefertigt hatten.
"Ich vermute, dass der ITS administrative Techniken verwendet, um die Dokumente weniger leicht zugänglich zu machen", sagt Holocaust-Forscher Prof. Johannes Houwink ten Cate von der Universität Amsterdam. Das angebliche Problem des Suchdienstes mit dem Datenschutz sei in der Praxis bereits dutzendfach gelöst worden. Forschern werde der Einblick in Archive oft unter eingeschränkten Bedingungen gewährt und nicht alles, was eingesehen werde könne, dürfe auch veröffentlicht werden. Neue Erkenntnisse bei Öffnung der Akten verspricht sich der Professor in Bezug auf den Holocaust und auch auf die Heimatvertriebenen.
"Das ist ein ewiges Datengrab, das den Menschen helfen sollte, die es betraf", sagt Lothar Eberhardt von der Interessengemeinschaft der ehemaligen Zwangsarbeiter. Viele seien dabei Opfer der Bürokratie und der langsamen Arbeit des Archivs geworden. "Das dient dem Täterschutz. Die Rolle des Roten Kreuzes ist zweifelhaft." So mancher auf der Täterseite habe kein Interesse, dass Außenstehende Einblick in die Akten nehmen könnten.
Seit langem steht der Vorwurf im Raum, dass der Suchdienst langsam arbeite und die Akten horte, um das eigene Dasein zu sichern. Hauptaufgabe des Archivs war bisher das Liefern von Belegen für Zwangsarbeit, die Überlebende für Entschädigungen benötigten. "An den Millionen Dokumenten können die sich noch Jahre festhalten", meint Archivarin Stein. Der ITS müsse sich von einer humanitären Organisation in ein funktionierendes Archiv verwandeln, erklärt Ten Cate. Er sei guter Hoffnung, dass dies funktioniert. Eine Entscheidung wird im Mai bei der Jahressitzung der Elf-Staaten-Kommission erwartet.
Der Suchdienst im Internet:
www.its-arolsen.org