Fast zwölf Jahre nach dem Untergang der Ostseefähre "Estonia" mit 852 Toten wehren sich Schwedens Behörden erneut gegen den Vorwurf, sie hätten die wirkliche Ursache für die Katastrophe fahrlässig oder vielleicht sogar bewusst verschleiert. "Uns glaubt ja doch keiner", kommentierte Johan Franson, Sicherheitschef des Stockholmer Schifffahrtsamtes, gestern in der Zeitung "Dagens Nyheter" die Forderung von Estlands Regierung nach einer erneuten amtlichen Untersuchung.
In Tallinn meint man, dass die Möglichkeit einer Explosion an Bord nicht ausreichend untersucht worden sei. "Absolut nichts Neues. Aber diese Konspirationstheorien führen ja ihr Eigenleben", seufzte Franson, der nach dem Unglück in der Nacht des 28. September 1994 vor Finnlands Südküste selbst die Verantwortung für Tauchuntersuchungen am Wrack getragen hatte. Ein falsch konstruiertes Bugvisier sowie schwere seemännische Fehler der estnischen Besatzung hatte die Internationale Havariekommission JAIC als wichtigste Ursache dafür ausgemacht, dass das 1979 im niedersächsischen Papenburg gebaute Schiff in weniger als einer Stunde kentern und sinken konnte.
Unstrittig ist, dass die Bugklappe des 157 Meter langen Schiffes sich auf offener See öffnete und abriss, sodass gigantische Wassermengen ungehindert ins Autodeck strömen konnten. Aber höchst merkwürdige Schwenks der schwedischen Behörden nach dem schlimmsten Schiffsunglück in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ließen schon früh Vermutungen laut werden, ob vielleicht etwas vertuscht werden sollte.

Estonia liegt noch auf Grund
Erst versprach die Stockholmer Regierung ohne Zögern die Hebung der Wracks einschließlich der mehr als 700 darin eingeschlossenen Leichen. Nach diversen "Zickzack"-Entscheidungen ist am Ende die "Estonia" mitsamt den Opfern des Unglücks am Grund der Ostsee geblieben. Das Wrack wurde zum Friedhof erklärt und jedes Tauchen von Privatpersonen als Schändung des Grabfriedens unter Strafe gestellt. Der deutschen Journalistin Jutta Rabe als prominentester aller "Estonia-Privatfahnder" hat dies einen Haftbefehl der schwedischen Justiz eingebracht, weil sie trotz des Verbotes auf eigene Faust Taucher in 80 Meter Tiefe schickte, um nach Beweismaterial für ihre Theorie von einer bisher verheimlichten Explosion an Bord suchen zu lassen.

Abenteuerliche Theorien
Die Beweise blieben aus. Mit der Forderung aus Estland nach einer neuen Untersuchung aber haben Rabe und andere erstmals überhaupt offizielle Unterstützung für ihre mehr oder weniger abenteuerlichen Theorien bekommen. Der russische Geheimdienst habe illegale Transporte mit geschmuggeltem Militärmaterial vertuschen wollen und deshalb eine Bombe auf dem mit knapp tausend Menschen besetzten Schiff detonieren lassen, lautet die bekannteste dieser Hypothesen. Andere "Experten" wollten wissen, dass Lastwagen mit "heißer Fracht" durch das in selbstmörderischer Weise geöffnete Bugvisier in die Ostsee geschoben werden sollten.