Konrad Stemmler weigert sich, rund 100 000 Euro für die andere Hälfte seines Hofes zu zahlen.Konrad Stemmler könnte zufrieden sein. Seit vorigem Jahr kann er in Jeßnigk im Elbe-Elster-Kreis auf dem Bauernhof, der früher seinen Eltern gehörte, wieder wirtschaften. Der 54-Jährige, der im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen geflohen war, ist in sein Heimatdorf zurückgekehrt und will das Grundstück zu einem Erlebnishof ausbauen. Kaninchen, zwei Lamas und drei Strauße stehen schon im Stall.
Doch Stemmler hat ein Problem. Das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen hat nur die „ideelle Hälfte des Hofes“ an ihn rückübertragen. Die andere „ideelle Hälfte“ , die von Stemmlers Teil praktisch nicht zu trennen ist, gehört der BVVG. Dafür soll er rund 100 000 Euro bezahlen, doch Konrad Stemmler weigert sich.
Der Streit betrifft drei, zum Teil sehr sanierungsbedürftige Gebäude und insgesamt etwa 55 Hektar Wiesen und Wald. Der Vater von Konrad Stemmler war 1955 in den Westen gegangen, weil er nicht in die LPG eintreten wollte. Sein Anteil an dem Bauernhof, der ihm zusammen mit seiner Frau gehörte, wurde eine Weile von der Gemeinde verwaltet, dann Volkseigentum. Diesen Teil bekam sein Sohn Konrad jetzt zurück. Den Anteil der Mutter jedoch nicht, weil die ihr Eigentum später anderweitig weitergegeben hatte. Der Hof war noch in den 50er-Jahren Sitz der örtlichen LPG geworden.
Konrad Stemmler wirft der BVVG jetzt vor, den Bauernhof von der Wende bis zur Übergabe nicht ordentlich verwaltet zu haben. Nebengebäude eines Einfamilienhauses seien über die Grundstücksgrenze hinweg noch nach 1990 gebaut, der ganze Hof von der LPG und ihrer Nachfolge-Gesellschaft heruntergewirtschaftet worden. Alles Brauchbare sei beräumt, aber viel Müll zurückgelassen worden. „Das alles in Ordnung zu bringen, ist ein Fass ohne Boden“ , klagt Konrad Stemmler. Er verlangt eine Entschädigung für die Müllentsorgung, für Holz, das in den vergangenen Jahren aus seinem Wald geschlagen und verkauft wurde, und für sein Elternhaus, das schon zu DDR-Zeiten abgerissen wurde.
Bei der zuständigen BVVG-Niederlassung in Cottbus schüttelt man darüber nur den Kopf. „Wir haben nur den Auftrag, die Grundstücke zu sichern, nicht zu sanieren“ , sagt Niederlassungsleiter Manfred Schröder, „wir übergeben, wie es liegt und steht.“ Er und Dieter Herrmann, zuständig für Reprivatisierungsfälle bei der BVVG-Niederlassung in Cottbus, haben jedoch Ver-ständnis für die Enttäuschung mancher Alteigentümer. Die hätten ihre Grundstücke manchmal 30 oder 40 Jahre lang nicht gesehen und sie so in Erinnerung, wie sie damals waren. Mancher will dann entschädigt werden für das, was in DDR-Zeiten an Instandhaltung unterlassen wurde.
„Die halten sich dann an denjenigen und den sie heute greifen können, das sind wir“ , sagt Herrmann. Jeder Betroffene sehe nur seinen eigenen Fall, die Cottbuser BVVG-Niederlassung müsse sich aber allein um etwa 3000 solcher Grundstücke kümmern.
Konrad Stemmler habe sogar noch Glück gehabt, dass die LPG und später der Nachfolgebetrieb das Grundstück genutzt hätten. „Unbewirtschaftete Grundstücke sehen oft viel schlimmer aus, da haben wir manchmal fast nur noch Ruinen übernommen“ , sagt Dieter Herrmann.
Als günstigen Umstand wertet er auch, dass der LPG-Nachfolgebetrieb das Grundstück samt einer Werkstatt überhaupt noch beräumt habe. „Oft ist niemand mehr da, der für so etwas noch Verantwortung übernimmt“ , sagt Herrmann. Die BVVG habe sich auch nachdrücklich dafür eingesetzt, dass die LPG noch eingenommene Mieten für zwei Wohnungen auf dem Grundstück auszahlen musste. Das Geld sei mit Konrad Stemmler geteilt worden.
Dem liegt inzwischen ein Vertragsentwurf für den Kauf der zweiten Hälfte seines Hofes von der BVVG vor. Doch Stemmler bleibt stur, will die geforderte Summe nicht bezahlen: „Dazu sind wir nicht bereit.“ Für die BVVG steht jedoch auch fest, dass sie nichts verschenken darf. Der Wert des Hofes sei durch einen vereidigten Gutachter bestimmt worden, das sei Verhandlungsgrundlage. Jede Abweichung davon müsse genau begründet werden, sagt Niederlassungsleiter Manfred Schröder: „Unser Angebot liegt auf dem Tisch, Herr Stemmler muss sich jetzt bewegen.“ Denn durch die jeweils ideelle Hälfte am Eigentum sind BVVG und Alteigentümer wie in einer Erbengemeinschaft miteinander verbunden. Ohne Kaufvertrag kommen beide nicht von ein-ander los.