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Streit belastet eine Chance zur Versöhnung

Auch diejenigen Polen, die ausgesprochen deutschfreundlich sind und sich seit Jahrzehnten für Aussöhnung mit dem Nachbarn im Westen eingesetzt haben, schütteln nur die Köpfe. Von Eva Krafczyk

Ein "Zentrum gegen Vertreibungen", das nach dem Willen des Bundes der Vertriebenen (BdV) in Berlin entstehen soll, lässt bei ihnen Sorge vor einer einseitigen Darstellung des Leids nur der deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge aufkommen.
"Wenn dieser unglückliche Gedanke eine Mehrheit im Bundestag findet, muss man die Einrichtung eines Zentrum für deutsch-polnische Beziehungen von 1772 bis 1945 in Posen (Poznan) erwägen", kommentierte der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski mit Blick auf die historisch am schwersten belastete Zeit der deutsch-polnischen Beziehungen.
Längst ist das Thema Vertreibung in Polen kein Tabu mehr, auch wenn häufig an dem beschönigenden Begriff Aussiedlung festgehalten wird. Doch nicht nur Wissenschaftler, auch Freizeithistoriker in den ehemals deutschen Gebieten setzen sich mit der Vergangenheit auseinander. Zu Stadtjubiläen werden die einstigen deutschen Bewohner mit einer neuen Selbstverständlichkeit eingeladen.

Alle Nationen beteiligen
Ein Zentrum gegen Vertreibungen - dieses Projekt hat auch in Polen seine Anhänger. Doch es sollte nicht in Deutschland entstehen und erst Recht nicht in Berlin, fordern viele Intellektuelle. Nur ein Zentrum, an dem alle von Vertreibung betroffenen Nationen beteiligt seien, könne versöhnen, betonte nun der Gnesener Erzbischof Henryk Muszynski, Vorsitzender des Ausschusses für den Kontakt zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen. "Wenn es ein solches Zentrum gibt, verbindet es Polen und Deutsche. Anders kann ich es mir nicht vorstellen", betonte der Bischof.

Leid nicht kultivieren
In Polen wird befürchtet, dass in einem rein deutschen Zentrum gegen Vertreibungen in Vergessenheit gerät, dass der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien brutale Besatzungspolitik, die gewaltsame Aussiedlung von Polen, Massenmorde an Juden und der polnischen Elite vorausgingen. Die gewaltsame Aussiedlung von Polen aus dem heutigen Litauen und der Westukraine und ihre Umsiedlung in die alten deutschen Westgebiete sollen nicht zu einer bloßen Randnotiz werden.
Für Janusz Reiter, Leiter des Instituts für internationale Beziehungen in Warschau und ehemaliger Botschaft in Deutschland, ist die Idee eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin eine der "schlechtesten Ideen der letzten Jahre" aus dem Nachbarland. Dies könne beide Völker nur teilen, betonte er ganz undiplomatisch. Bartoszewski befürchtet gar eine "Rückkehr zu Schuldaufrechnungen", die bereits überwunden schien. Dem vereinten Europa könne dies nicht dienen: "Wenn man die Wahrheit über Geschichte erzählen will, dann muss das die Wahrheit aller Seiten sein, dann darf man nicht nur das Leid einer Gruppe kultivieren."