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Streik-Trott in Deutschland

Berlin. Chaos und lange Schlangen an Schaltern und Gleisen, überfüllte Wartehallen auf den Bahnhöfen, wetternde Pendler und Reisende – so sah es vielerorts bei den ersten Lokführerstreiks im vorigen Jahr aus. Mittlerweile hat sich das Bild gründlich gewandelt. dpa/ta

Leere Wartehallen, verwaiste Gleise: Auf den Bahnhöfen in Deutschland sieht es vielerorts aus wie an einem Sonntagmorgen. Seit Mittwoch trifft der Lokführerstreik der Gewerkschaft GDL auch den Personenverkehr in der ganzen Republik - neben dem Fernverkehr sind S-Bahnen und der Regionalverkehr betroffen.

Doch für viele Reisende ist das schon fast Routine: Der bundesweite Ausstand trifft sie bereits zum siebten Mal seit Beginn des Tarifkonflikts vor rund neun Monaten. Die Gewerkschaft hat ihn - aus deren Sicht rechtzeitig - angekündigt. Und tatsächlich: Viele Fahrgäste hatten sich informiert, organisierten daraufhin Mitfahrgemeinschaften, stiegen in Busse oder blieben zu Hause.

Schon beim vorigen GDL-Ausstand im November waren viele ICE halbleer geblieben - als Folge einer sich selbstzerstörenden Prophezeiung: Weil alle annahmen, dass kaum ein Zug fährt, stieg auch niemand in die Züge ein, die doch unterwegs waren.

Ruhig und fast menschenleer beginnt der Tag denn auch diesmal am Berliner Hauptbahnhof. Die große Anzeigetafel am Eingang zeigt nur die Züge an, die nicht ausfallen. Die Reisenden gehen zielstrebig zum Gleis, wo ihre Regionalzüge nach Wismar oder Cottbus abfahren. Sie werden von der Ostdeutschen Eisenbahn (Odeg) bedient. Deren Lokführer streiken nicht.

Kaum jemand scheint vom Streik überrascht worden zu sein. Der Eingang zu den Gleisen der S-Bahn ist mit rotem Band abgesperrt, hier fährt heute nichts. Auf einem unterirdischen Gleis steht ein gestrandeter ICE mit offenen Türen. Eine Handvoll Menschen sitzt darin. Sie nutzen den warmen Ort, um auf die Abfahrt ihrer Züge zu warten.

Leer gefegte Bahnsteige auch am Düsseldorfer Hauptbahnhof: In manchen Zügen, die trotz des Streiks fahren, sitzen sogar weniger Fahrgäste als sonst. Auch im Bahnhofsgebäude keine Spur von dem sonst üblichen Gedränge im morgendlichen Berufsverkehr. "Wir bleiben hier heute bestimmt auf viel Ware sitzen", klagt eine Bäckerei-Verkäuferin im Bahnhof.

In Dortmund sind die Bahnsteige ebenfalls verwaist. Nur kurz bildet sich eine etwas längere Schlange an den Infoschaltern.

Auch in Hannover hat sich ein gewisser Streik-Trott breitgemacht: "Man stellt sich ja drauf ein", sagt eine Angestellte des Kundenservice der Bahn, während sie vor dem Infoschalter im Hauptbahnhof Kaffee an wartende Passagiere ausschenkt. Im DB-Reisezentrum bleibt der Ansturm aus: "Wir haben damit ja mittlerweile Erfahrung", erklärt eine Angestellte am Schalter.

Leere Gleise, wenige Wartende in der Bahnhofshalle und kurze Schlangen am Infoschalter auch im Bremer Hauptbahnhof. Viele Reisende haben sich auf den Streik eingestellt und meiden möglichst die Fernzüge. Das bekommt auch die Verkäuferin in einem italienischen Café zu spüren: "Es ist deutlich weniger los." Vor allem zur Berufsverkehrszeit am Morgen bleiben die üblichen Kunden weg. Reisende aus dem Ausland tappen dagegen weitgehend unwissend in die Streikfalle. Viele internationale Urlauber blicken am Kölner Hauptbahnhof besorgt auf die Infostände, eine kurzfristige Alternative zur Bahn ist für sie oft nicht in Sicht.

"Wir hatten einen Streik am Flughafen in Finnland, nun der Streik in Deutschland, und auch in Belgien wird gestreikt. Was ist da eigentlich los?", sagt die 21-jährige Finnin Claudia Kalin.