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Streicheleinheiten für Körper und Seele

Bewegungstherapie in der Tagesklinik.
Bewegungstherapie in der Tagesklinik. FOTO: Klinik
Forst. Nach einem Oberschenkelhalsbruch lernt eine 87-Jährige in der Tagesklinik der Geriatrie in der Lausitz Klinik Forst, wieder den Alltag zu meistern. Eine 73-Jährige schöpft neuen Atem. Ida Kretzschmar

Manchmal geht es Gisela Hinz nicht schnell genug mit den Stöcken. "Dann müssen wir sie bremsen", lacht Nidal Mansour. "Nach einem Oberschenkelhalsbruch brauchen ältere Menschen Geduld, bis sie wieder ihren Alltag meistern können", sagt der Chefarzt der Klinik für Geriatrie an der Lausitz Klinik Forst. So, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist es nach so einem Bruch im höheren Alter gar nicht einfach, überhaupt wieder auf die Beine zu kommen.

Gisela Hinz ist es gemeinsam mit dem Team der Geriatrie gelungen. Auch wenn sich die 87-jährige Forsterin ohne ihre Stöcke noch ein wenig wacklig fühlt und viel lieber mit dem Rad durch ihre Stadt fahren würde: "Das wird wohl nicht mehr klappen", mischt sich ein wenig Traurigkeit in ihre Stimme: "Aber ich koche schon wieder für meinen Mann und mich, und wir gehen gemeinsam einkaufen", erzählt sie nicht ohne Stolz.

An die Schreckstunde, in der sie förmlich aus ihrem gewohnten Alltag gerissen wurde, erinnert sie sich noch gut. "44 Jahre lebe ich in dieser Wohnung. Und dann stolpere ich über die Türschwelle", schüttelt sie den Kopf. Sie konnte nicht aufstehen. Vielleicht eine schwere Prellung? Auf den Gedanken, dass etwas gebrochen sein könnte, kam sie nicht. Ihrem pflegebedürftigen Mann gelang es allein nicht, sie vom Boden hochzubekommen. Die Tochter wurde zu Hilfe gerufen. "Den Schwiegersohn wollte ich nicht bitten, es war schon spät, er musste am nächsten Tag früh raus", erinnert sie sich. Irgendwie schafften es Mann und Tochter, sie in jener Nacht ins Bett zu bringen. Am nächsten Morgen aber war klar: Der Rettungsdienst musste kommen. Er brachte sie in die Lausitz Klinik, wo ein Oberschenkelhalsbruch diagnostiziert wurde. Sie wurde sofort operiert. Und schon fünf Tage danach begann die Therapie. "Das ist das Besondere in der Geriatrie: Die Patienten werden akutmedizinisch und parallel physiotherapeutisch betreut. Und es gibt auch fachübergreifende Teambesprechungen, in denen gemeinsam beraten wird, wie jeder Patient nicht nur in der Klinik richtig behandelt werden kann, sondern auch zu Hause bestmöglich versorgt ist", erklärt Nidal Mansour, der in Forst die älteste altersmedizinische Versorgung im Land Brandenburg übernommen hat.

"Unter seiner Leitung hat die ganzheitliche Betreuung der älteren Patienten auch nach dem stationären Aufenthalt noch einmal einen Qualitätssprung gemacht", anerkennt Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt auch die Arbeit des Teams.

Vor gut einem Jahr kam Mansour aus Berlin nach Forst und übernahm die Geriatrie in der Lausitz Klinik, die Anfang der 90er-Jahre hier aufgebaut wurde. Geriatrie und Tagesklinik unter einem Dach.

In seinem Heimatland Syrien hatte Mansour an der Universität Damaskus Humanmedizin studiert und 1998 seine Ausbildung in Deutschland fortgesetzt. Erfahrungen sammelte er unter anderem in der Vitanas Klinik für Geriatrie und als Oberarzt im Malteser Krankenhaus Berlin. "In der Altersmedizin geht es um Ganzheitlichkeit. Da wird nicht nur über Krankheit gesprochen, sondern vor allem über das Leben. Der Mensch braucht Streicheleinheiten für Körper und Seele", ist der 50-Jährige überzeugt. Und so geht es in den Gesprächen mit den älteren Patienten auch immer recht humorvoll zu.

"Das ist ein sehr angenehmes Klima hier", sagt Gisela Hinz aus vollem Herzen: "Erst sträubte ich mich, in die Tagesklinik zu gehen. Mein Mann braucht mich doch zu Hause. Ich wollte ihn nicht so lange allein lassen", gibt sie zu. "Aber die vier Wochen dort haben mir sehr gut getan. Früh wurde ich abgeholt, und abends war ich wieder zu Hause. Ich habe ja geglaubt, ich würde nie mehr richtig hochkommen. Aber nun hat sich alles stabilisiert. Und ich bin heilfroh, mich so entschieden zu haben", sagt sie.

Mit Matthias Heinrich, dem 47-jährigen Leiter der Rehabilitationstherapie, hat sie nach der OP ihre ersten Schritte gemacht, Schwellenängste überwunden. "Wir sind kein Jungbrunnen", scherzt er. Aber doch könne das interdisziplinäre Team in der Tagesklinik dafür sorgen, dass sich die Patienten wieder jünger fühlen.

Nicht nur der Umgang mit Hilfsmitteln wird erprobt, auch das Gleichgewicht und Koordinationsfähigkeiten werden trainiert. In der Übungsküche frischen die Patienten ihre Fertigkeiten wieder auf. Es werden Ursachen für Stürze erforscht und wie sie zu verhindern sind. Der 41-jährige Steffen Rein ist Ansprechpartner rund um soziale Fragen. Zum Beispiel, wenn Pflege notwendig wird.

Gisela Hinz hat großes Glück gehabt: "Ich dachte ja schon, ich komme nie mehr aus dem Bett", sagt sie. Die 87-Jährige ist wieder mobil, auch wenn sie jetzt nicht mehr im gewohnten Tempo die Treppen hoch und runter läuft.

Auch Gisela Roßmann aus Jämlitz-Hütte, einem kleinen Ort nahe Döbern, ist sehr zufrieden, dass es die Geriatrie in Forst gibt. "Ich kann endlich wieder durchatmen", gesteht sie. Die 73-Jährige leidet unter chronischer Bronchitis, in der Fachsprache COPD genannt. Als sie kaum noch Luft bekam, überwies sie die Hausärztin nach Forst. Zehn Tage wurde sie akut auf der Station behandelt und erfuhr: Ein Sauerstoffgerät könnte ihr das Leben mit der Krankheit wesentlich erleichtern.

Mit dem Rauchen aber vertrüge sich das Gerät nicht, machte ihr der Chefarzt auf humorvolle Art klar. Leicht war das nicht für sie, das Rauchen aufzugeben. Und es glückte auch nicht gleich beim ersten Versuch. Aber das Team in der Tagesklinik half ihr, auch, sich auf das Sauerstoffgerät einzustellen, das sogar mit einem transportablen Teil ausgestattet ist und so ihren Bewegungsradius vergrößert.

Seit April ist Gisela Roßmann wieder zu Hause. "Ich habe wieder Sicherheit gewonnen, das Gefühl: Mir kann nichts passieren", ist sie dankbar. Und sie weiß ja auch durch Chefarzt Mansour: "Die Tür zur Tagesklinik ist immer offen."

www.lr-online.de/besonderer-fall

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Seit dem 1. Mai 2016 ist MD/Syr. Nidal Mansour Chefarzt der Klinik für Geriatrie in der Lausitz Klinik Forst. Nidal Mansour studierte Humanmedizin an der Universität Damaskus und erlangte dort seinen Grad MD/Syr. Seit 1998 ist Mansour in Deutschland als Mediziner tätig. Seine Stationen führten ihn unter anderem an das Herzzentrum Bernau, an die Brandenburg Klinik Bernau oder das Malteser Krankenhaus Berlin, wo er zuletzt als Oberarzt der Klinik für Geriatrie und Palliativmedizin tätig war. MD/Syr. Nidal Mansour ist Facharzt für Allgemeinmedizin sowie Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin als auch Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie. Er führt die Zusatzbezeichnungen Manuelle Medizin, Akupunktur, Spezielle Schmerztherapie, Palliativmedizin sowie Geriatrie. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

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Zum Leistungsspektrum der Lausitz Klinik Forst gehören neben der Geriatrie inklusive Tagesklinik noch folgende Fachbereiche: Chirurgie, Unfallchirurgie, Intensivmedizin und Anästhesie, Operationsbereich, HNO, Innere Medizin, Gynäkologie und Geburtshilfe, Urologie, Reha-Abteilung mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie, Funktionsdiagnostik, Psychologie, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie. Die Lausitz Klinik Forst gehört zur Klinikgruppe Ernst von Bergmann.

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Therapien für Menschen im hohen Lebensalter stehen im Fokus der Geriatrie, auch Alters- oder Altenmedizin genannt. Dahinter verbirgt sich die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen. Dies betrifft fächerübergreifend Probleme aus den Bereichen der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin, der Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie (Gerontopsychiatrie).Als Gerontologie oder Alter(n)s forschung wird die Wissenschaft bezeichnet, die sich mit Alterungsvorgängen in all ihren Aspekten befasst, darunter psychische, soziale, wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche. Das Wort Geriatrie wurde erstmals von Ignatz Leo Nascher verwendet, einem in Wien geborenen Arzt, der später in den USA tätig war und bereits 1914 sein Lehrbuch Geriatrics: The diseases of old age and their treatment veröffentlichte.