Rückblick ins Jahr 1991. Die Alliierten bombardieren Bagdad. Aufdem Herzberger Rathaus weht eine weiße Fahne auf Halbmast - ausProtest gegen den Irak-Krieg, erinnert sich der damaligeBürgermeister Bernhard Willner. Der Geist der Abrüstung, denMänner wie er in den 80er-Jahren in der DDR befördert hatten,durchweht die Stadt. „Ich hatte nach der Wende die Hoffnung, dassviele dem Gedanken nachgehen, das Militär abzuschaffen. Deshalbbin ich in die Politik gegangen“ , sagt Willner.

Kriegerdenkmal vor dem Rathaus
Doch die allgemeineZustimmung für eine Entmilitarisierung der Annaburger Heideverflog. Es brach die Zeit an, in der ein altes Kriegsdenkmal ausseiner Versenkung emporstieg und vor das Herzberger Rathausgestellt wurde. Und es kam der Moment, in dem sich dieStadtverordneten dazu durchrangen, Herzberg zum Paten desFliegerhorsts Holzdorf zu machen.
Schon im Mai 1995, nach langen Diskussionen, hatten dieAbgeordneten ihrem Bürgermeister einen Auftrag erteilt: Er solltesich um die „Durchführung der Vereidigung vonBundeswehrangehörigen in Herzberg entsprechend der positivenMeinungsäußerung der Bürgerinnen, Bürger und Gewerbetreibendenbewerben“ . Die Soldaten des Standorts sollten in das öffentlicheLeben der Stadt Einzug halten.
Doch jetzt wird aus dem Einzug ein Aufmarsch. Das Militär erobertden Herzberger Marktplatz, nicht mal einen Steinwurf vom Rathausentfernt, auf dem einst die weiße Fahne gegen den Irak-Krieggehisst worden war. Heute Morgen werden dort die Stiefeltritteder Soldaten widerhallen, vier Kompanien antreten. 576 Rekrutendes Holzdorfer Luftwaffen-Ausbildungsregiments geloben feierlichund öffentlich, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienenund das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zuverteidigen“ .
Während derzeit Menschen in Hoyerswerda, Cottbus oder in Dahmeauf die Straße gehen, um gegen den drohenden Irak-Krieg zudemonstrieren, demonstriert die Luftwaffe, dass auch sie Teil derdeutschen Gesellschaft ist. Während in Calau, Altdöbern, Luckauoder Lübben Menschen in den Kirchen um den Frieden beten,bekunden Soldaten in Herzberg öffentlich durch ihr Gelöbnis, dass„sie an der Friedenssicherung mitwirken“ , wieElbe-Elster-Landrat Klaus Richter sagt. Er hält weltpolitischeLage und Gelöbnis für völlig getrennte Dinge.

Militär erobert öffentlichen Raum
„Das Gelöbnis ist keine Frage: Krieg ja oder nein“ , erklärtRichter. Vielmehr könne die Veranstaltung dazu dienen, „dieVerbundenheit der Bevölkerung zur Bundeswehr zu dokumentieren“ .Richter ist überzeugt: „Zu sagen, wir machen das nicht, wäre einverkehrtes Zeichen. Die Jungs haben auch Angst. Das sind unsereKinder. Die im Regen stehen zu lassen, wäre deplatziert.“

Über Parteigrenzen hinweg
Partei übergreifend teilt die Mehrheit der HerzbergerStadtverordneten diese Meinung. CDU-Fraktionschefin KorneliaGraßmann ist wie die meisten überzeugt, „dass es für den Irakpolitische Lösungen gibt“ . Sie sei „gegen jegliche Form derGewalt“ . Die Rekruten, erklärt sie, seien aber „Bewahrer desFriedens“ .
SPD, PDS und Unabhängige Wählergemeinschaft schlagen ähnlicheTöne an. Zudem gehöre der Standort zur Region, für die Stadt seidas Gelöbnis eine gute Sache. Und der Herzberger BürgermeisterMichael Oecknigk freut sich „außerordentlich auf dieses Ereignis“. Zweifel an der Daseinsberechtigung der Bundeswehr hegt kaumeiner. „Denken Sie an die internationale Situation oder erinnernSie sich an das Hochwasser im vergangenen August, da hat dieBundeswehr sofort mit angepackt und geholfen“ , so Oecknigk.
Heute aber sorgt die Bundeswehr selbst für eine ArtAusnahmezustand. Die gesamte Herzberger Innenstadt wird zeitweisegesperrt sein, die Behörden rechnen mit 1500 Gästen, Eltern,Angehörigen der Rekruten. Der Kommandeur schwärmt. „Wir werdenmit offenen Armen empfangen. Der Stadtrat, der Bürgermeister unddie Bevölkerung stehen hinter uns“ , sagt Oberstleutnant UweSchulz, der „ein Gelöbnis wie jedes andere auch“ erwartet - „eineruhige, bundeswehrfreundliche Veranstaltung, bei der sich dieBevölkerung aber auch kritisch mit uns auseinandersetzt“ .
Das Hausrecht für den Marktplatz hat die Bundeswehr übernommen.Mit Störern rechnen weder die Polizei noch Oberstleutnant Schulz.Die Sicherheitslage sei „ruhig und stabil“ , wenngleich dieSpannungen vielleicht um eine Nuance größer seien. BürgermeisterOecknigk erwartet: „Das Gelöbnis bedeutet zwar viel Arbeit füruns, wird aber auch Werbung für Herzberg sein.“

„Verharmlosungsversuch“
Ex-Bürgermeister Willner denkt anders. Für ihn ist dasöffentliche Gelöbnis ein „Versuch, die Problematik zuverharmlosen und in ein religiöses Gewand zu kleiden“ . „Das Volksoll beschwichtigt werden“ , sagt er. Vor dem gegenwärtigenpolitischen Hintergrund einer „Neuaufteilung der Welt“ sei esbesonders makaber, das Gelöbnis auf dem Markt zuzulassen und alsWerbe-Ereignis für die Stadt zu preisen, schreibt er in einemoffenen Brief. Er sei sehr enttäuscht, dass „ein solches Denkenin Herzberg wieder Raum gewinnen kann“ .
Willner wird deshalb einen weiten Bogen um die Veranstaltungmachen - genau wie die evangelische Pastorin Renate Timm,Schwester des Friedenspreisträgers Friedrich Schorlemmer, die alsEhrengast eingeladen war. „Gelöbnisse auf öffentlichen Plätzensind fehl am Platze“ , sagt sie. Auch SPD-Mitglied Eckhard Assel,Pazifist und einst in der Bürgerbewegung, bleibt der Feier fern.„Wir waren im Parlament gespalten“ , erklärt er. „Der Mehrheitkann man sich aber nicht widersetzen.“