Weißstörche sind friedvolle Tiere. Keiner der Großvögel greift Menschen an. Trotzdem kann eine Begegnung gefährlich werden. Oft stehen sie nämlich mit ihren langen roten Beinen extrem nah am Straßenrand. Und immer wieder berichten Autofahrer in diesem Sommer auch von überraschenden Zusammentreffen direkt auf der Fahrbahn, wenn einer der Adebare landen oder starten wollte.

Grund für das scheinbar ungewöhnliche Verhalten der Tiere ist aber nicht ein steigender Hang zur Lebensmüdigkeit und die Absicht zu einem verzweifelten Freitod auf einer untergeordneten Brandenburger Landstraße. Und schon gar nicht ist es die Hoffnung auf eine "Mitfahrgelegenheit", die Störche in der Lausitz immer öfter zu einer Verkehrsgefahr werden lassen.

Schuld ist vor allem die intensive Landwirtschaft. Auf den riesigen Mais-, Sonnenblumen-, Raps oder Getreidefeldern können die Vögel nicht landen und "dort finden sie am Boden auch keine Nahrung", sagt Bernd Elsner vom Nabu-Weißstorchzentrum in Vetschau (Oberspreewald-Lausitz). Es seien die schmalen grasbestandenen Feldränder direkt an den Straßen, auf die sich Insekten wie Heuschrecken und auch kleine Amphibien zurückgezogen hätten. Die Krabbel- und Kriechtiere bilden die Nahrungsgrundlage für die Weißstörche. "Straßenränder sind für sie oft eine ideale Futterstelle", weiß der Fachmann aus Vetschau. Er selbst war in diesem Sommer schon mehrmals im Einsatz, um angefahrene Störche zu retten oder tote Exemplare zu bergen.

Neben den großen landwirtschaftlichen Monokulturen erschwere aber auch manch gut gemeinte Naturschutz-Regel die Nahrungssuche der Störche. "Viele Spreewaldwiesen werden inzwischen erst sehr spät im Sommer gemäht, um bodenbrütende Vögel wie beispielsweise die Bekassine zu schützen", erzählt der Storchenfachmann Elsner. "Das recht hohe Gras ist dann trotz ihrer langen Beine nicht optimal für die Vögel."

So richtig satt werden die Störche in der Lausitz in diesem Jahr wohl ohnehin nicht. "Es ist zu trocken", schätzt Bernd Elsner. Mehr als ein Drittel der Paare in der Region um Lübbenau, Lübben und Luckau hätten diesmal nicht gebrütet. Obwohl im Frühjahr recht viel Störche in die Lausitz gekommen waren.

Mit rund 1400 Brutpaaren ist Brandenburg das mit Abstand storchenreichste Bundesland. Damit ist auch die Gefahr für Autofahrer, auf der Straße einen hungrigen Storch zu treffen am größten. Trotz der positiven Entwicklung der Storchenpopulation in den zurückliegenden 25 Jahren gilt der Großvogel, der gut auch als Brandenburgs Wappentier durchgehen würde, immer noch als gefährdet. Um den Bestand zumindest stabil zu halten, müsste jedes Storchenpaar mindestens zwei Jungstörche aufziehen.

Aber auch im Nachbarland Sachsen hat sich die Weißstorch-Population in den vergangenen zwei Jahrzehnten recht gut entwickelt. Um die 350 Brutpaare hat das zuständige Landesamt im Freistaat in den zurückliegenden Jahren gezählt.

Die meisten Störche gab es dort im vorigen Jahr in Nordsachsen sowie in den Lausitz-Kreisen Görlitz und Bautzen sowie in Meißen. Auch in diesen Regionen sind Storchenüberraschungen also nicht ausgeschlossen.

Den Autofahrern in den Storchenregionen bleibt daher nur, mit Augenmaß aufmerksam unterwegs zu sein. Sie müssen sich inzwischen eben nicht nur auf paarungsblinde Rehe und marodierende Wildschweinrotten auf der Fahrbahn einstellen, sondern auch auf hungrige Störche im Landeanflug oder beim Start.