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Stolze 50 Hennen für zwei Naturparks

So werden Hennen gefangen: Das an einem langen Kescher befestigte kreisrunde Netz versucht Lars Thielemann über das Tier zu werfen.
So werden Hennen gefangen: Das an einem langen Kescher befestigte kreisrunde Netz versucht Lars Thielemann über das Tier zu werfen. FOTO: Frank Claus
Bad Liebenwerda/Kittelfjäll. Das Auerhuhn-Pilotprojekt des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft bleibt erfolgreich. Die RUNDSCHAU hat den Fang von Hennen in Lappland (Schweden) begleitet. Frank Claus

Riesiges Medieninteresse bei der Landung des Flugzeuges, das am Mittwoch dieser Woche 51 Auerhühner aus Schweden auf den Flugplatz Finsterwalde-Schacksdorf bringt. Mehrere Fernsehteams, darunter auch der Kinderkanal, wollen die Ankunft der Vögel nicht verpassen.

Für die Mitarbeiter der Fangaktion, die in den vergangenen Tagen in zwei fast 2000 Kilometer entfernten Regionen Lapplands (Schweden) auf Hennenfang waren, ein Zeichen dafür, dass das seit dem Jahr 2012 laufende Wiederansiedlungsprojekt längst Beachtung gefunden hat.

In den Regionen um Kittelfjäll und Jämtland liegt noch Schnee. Nachts sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt, tagsüber klettert die Quecksilbersäule auf zehn Grad. In den zwei Tagen vor Ende der Aktion ist der Frühling auch im Norden Schwedens nicht mehr aufzuhalten. Das Eis beginnt in den letzten noch zugefrorenen Seen zu schmelzen. Die Landschaft ist bergig und zumeist karg. Wenig Baumbewuchs. Stundenlang kommt kein Mensch vorbei. Eine Straße schlängelt sich ins Fanggebiet.

Das Basislager bei Kittelfjäll liegt ideal, bietet in Holzhütten beste Bedingungen für die Crew. Zweimal täglich werden nun sieben Tage lang je zwei Fangteams in Jämtland und Kittelfjäll versuchen, die Hühner zu überlisten. An jedem Tag rollen die vier Autos dazu zwischen 500 und 700 Kilometer. Zuvor sind die Volieren aufgestellt worden. Sie sind blickdicht mit Planen bespannt und mit einem Tarnnetz als Dach versehen. "Die gefangenen Tiere sollen bis zum Abtransport möglichst ungestört bleiben", erklärt Projektleiter Alexander Zimmermann. Aroniabeeren und eingeweichter Hafer dienen neben den Fichtennadelzweigen auf dem Boden als Futter.

Olrik Pörtner, einer der Helfer, der ansonsten als Forstinspektor in der Oberförsterei Luckau des Landesbetriebes Forst arbeitet, ist zum dritten Mal dabei, hat auch die neuen Kescher angefertigt und die Spezialnetze geknüpft. "Unsere Netze und die Stangen sind haltbarer als die von den Schweden", sagt er stolz.

Dick angemummelt geht es hinauf zu den Auerhühnern. Vor allem der Gesichts- und Nackenschutz ist wichtig, denn gegen den Wind und die Kälte, die durch die geöffneten Autofenster dringen, hilft keine Autoheizung. "Sonst entgleiten dir die Gesichtszüge", sagt er und lacht. Lars Thielemann, Leiter der Naturparkverwaltung in Bad Liebenwerda, ist einer der Männer, die sich mit den Keschern aus dem Auto lehnen. Er trägt einen Parka. "Aberglaube", sagt er und schmunzelt. "Den trag ich von Anfang an, und wir haben immer Tiere gefangen." Jetzt heißt es Augen auf.

"Da ist eins", ruft der Forstmann. Es pickt in den Steinchen am Straßenrand. Mit etwa 40 km/h nähern sich die Auerhuhn-Fänger dem Tier, Lars Thielemann wirft den Kescher. Vorbei. Das Tier hat den "Überfall" geahnt. "Wenn wir langsamer fahren, werden die Hennen noch argwöhnischer und verschwinden schneller", erklärt Lars Thielemann. Bei einer Tour hat er 33 "Würfe" gemacht und drei Hennen gefangen. Es ist also nicht so einfach. Nur gut, dass es in Schweden bis weit nach Mitternacht jetzt hell bleibt. Ein Stück weiter: "Guck' da vorn, ein Hahn." Beide genießen den Anblick, und als würde das Tier ihnen den Kopf verdrehen wollen, stellt es auch noch seinen Fächer auf. "Diesmal fangen wir keine Hähne. Die sind in der Balzzeit so sensibel, dass sie gleich mit dem Auto nach Hause gebracht werden müssen. Die Reise im Flugzeug zusammen mit Hennen würden sie wohl nicht überleben", erklärt der Naturparkchef.

Noch ein Wurf. Geschafft. Eine Henne zappelt im Netz. Blitzschnell springen die Männer aus dem Auto und befreien das Tier ganz vorsichtig aus dem Kescher. Es kommt ins Transportbehältnis, eine Feder wird gerupft, um einen genetischen Nachweis zu bekommen.

Etwa 70 Tiere leben jetzt in den beiden Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft und Niederlausitzer Landrücken. "Wir haben schon mehrere Nachkommen der Tiere nachweisen können, die wir 2012 ausgesetzt haben", berichtet Lars Thielemann. Auch der Nabu, ansonsten eher kritisch gegenüber Wiederansiedlungsprojekten, freut sich über die Erfolge. Nicht nur, weil damit die Auerhühner wieder angesiedelt würden, vor allem auch, weil der Waldumbau vorangetrieben werde, und das auch ganz vielen anderen Tieren neuen Lebensraum biete, erklärt Christine Schröder gegenüber Antenne Brandenburg. Nur eine Henne hat die Aktion nicht überlebt. Zehn Tiere werden besendert. 32 starten kurz nach Ankunft des Flugzeuges voller Drang in die Babbener Heide. Der Rest wird in der Rochauer Heide bei Luckau und in Weißhaus bei Finsterwalde, wo die Blaubeerteppiche längst wieder in saftigem Grün stehen, ausgesetzt.

Zum Thema:
Während 1998 die letzte Henne in der Rochauer Heide gesichtet wurde, ist der Bestand in Schweden noch hoch. Zwischen 3000 und 5000 Auerhühner werden jährlich in der Provinz Västerbotten, zu der Kittelfjäll und Jämtland gehören, für Kochtopf und Pfanne geschossen. In ganz Schweden sind es etwa 40 000.