Polit-Chaos und Bürgerfrust: In Prag sind Populisten und Protestparteien auf dem Vormarsch. Aus dem Grill am Moldau-Ufer steigt Rauch empor. Schnell schließt der Mann davor den Deckel und wendet sich ab. "Mir stinkt's auch", sagt die 24-jährige Lucia lachend auf Deutsch.

Die junge Frau studiert Germanistik. Sie kennt deshalb das Wort für die Geste, mit der Peer Steinbrück kürzlich im Wahlkampf für Furore sorgte. "Stinkefinger", flüstert Lucia. Kurz vor der Wahl in Tschechien hat das berüchtigte Handzeichen die Politik in Prag erreicht. Verantwortlich dafür ist eine Skulptur des Aktionskünstlers David Cerny. Mitten in der Moldau hat er auf einer Schwimmplattform das hellviolette Abbild einer Faust errichtet, die vor der Prager Burg einen überdimensional langen Mittelfinger in den Himmel reckt. Cerny nennt sein Werk "ein normales Fuck-Zeichen für die kommunistischen Bastarde auf der Burg". Dort residiert seit einem halben Jahr der linkspopulistische Staatschef Milos Zeman. Ihm gilt Cernys Abscheu. Doch die Skulptur legt den Finger zugleich in eine weiter klaffende Wunde.

Auch Lucia vergeht das Lachen, wenn sie an die Politik in ihrem Land denkt. "Wen von diesem machtgierigen Haufen kann man denn wählen?", fragt sie.

Eine Antwort sollen an diesem Freitag und Samstag rund 8,5 Millionen Tschechen geben, die über die Zusammensetzung des Parlamentes entscheiden. "Nie zuvor seit dem Ende des Kalten Krieges war die Frustration so groß wie heute", sagt der Politikwissenschaftler Ondrej Matejka. Es ist kaum ein Zufall, dass die Kommunistische Partei 24 Jahre nach der Samtenen Revolution als zweitstärkste Kraft ins Prager Parlament einziehen könnte. In Umfragen kommen sie auf 13 bis 16 Prozent, hinter den Sozialdemokraten mit 25 bis 28 Prozent.

Daneben sorgt ein Mann für Furore, den sie in Tschechien in Anspielung auf den Italiener Silvio Berlusconi nur "Babisconi" nennen. Der Milliardär und Medienmogul Andrej Babis kommt mit seiner "Bewegung unzufriedener Bürger" (Ano2011) in den Umfragen auf ähnliche Werte wie die Kommunisten. Unklar ist allerdings, wofür er steht.

Die Kommunisten ihrerseits sind in Tschechien keine gewendeten Postsozialisten. Sie gelten vielmehr als linke Betonideologen und sind damit ebenfalls eine veritable Protestpartei.

In Prag ist allerorten eine Stinkefinger-Stimmung zu spüren. Das hat viel mit der Vorgeschichte dieser Wahl zu tun. Zu Jahresbeginn hatte Zeman die erste Direktwahl eines tschechischen Staatsoberhauptes gewonnen. Mit dieser Legitimation im Rücken mischte er sich in die Regierungspolitik, obwohl der Präsident kaum mehr als repräsentative Aufgaben hat. Das jedoch ist Zeman zu wenig. "Er denkt nur in Kategorien von Macht und Herrschaft", sagt Matejka.

In Zemans Plan fügte sich, dass die konservative Regierung von Premier Petr Necas in einem Sumpf aus Korruptionsaffären unterging. Der Präsident nutzte den Spielraum, den ihm die Buchstaben der Verfassung einräumen, um eine Regierung von seinen Gnaden ins Amt zu hieven. Am Ende griffen die Abgeordneten zum letzten Mittel: Selbstauflösung des Parlaments und Neuwahl.

Zeman verspricht sich davon einen besseren Zugriff auf das Geschehen. Der Präsident hat das Recht, den Regierungsauftrag zu vergeben. "Er wird einen Mann zum Premier machen, den er lenken kann", so Matejka. Damit droht dem Land ein dauerhafter Systemkonflikt. "Autoritäre Tendenzen sind erkennbar", sagt Matejka. Eine Regierungsbildung dürfte schwierig werden. Das wiederum könnte Zeman in die Hände spielen. Eine schwache Koalition wäre seinen autokratischen Ambitionen dienlich.