Doch für die nationalkonservative Regierung von Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski und die liberalkonservative Opposition ist dieser Urnengang vor allem ein wichtiger Stimmungstest ein Jahr nach den Wahlen zum nationalen Parlament und zur Präsidentschaft. Beide hatte die Partei Recht und Gerechtigkeit (Pis) von Jaroslaw und seinem Zwillingsbruder Lech Kaczynski gewonnen.
"In einem Klima politischer Instabilität spielen diese Wahlen die Rolle von Vorwahlen vor möglicherweise vorgezogenen Parlamentswahlen", sagt Lena Kolarska-Bobinska, Direktorin des unabhängigen Instituts polnischer öffentlicher Angelegenheiten. "Diese Wahlen sind aber unter einem anderen Aspekt sehr wichtig: Es ist das erste Mal, dass die lokalen Mandatsträger wirklich die finanziellen Mittel zur Realisierung ihrer Programme haben werden, dank der Fonds der Europäischen Union."

Konservative halten Kurs
Für die oppositionelle liberalkonservative Bürgerplattform (PO) könnte der Ausgang dieser Wahlen noch wichtiger sein als für die Regierungskoalition, schätzt der Politikwissenschaftler Slawomir Debski von der polnischen Akademie der Wissenschaften. "Die Konservativen werden ihre Art zu regieren in nichts ändern, wie hoch auch immer die Zahl ihrer gewählten lokalen Mandatsträger ausfällt." Bei der PO, die der Pis bereits vor einem Jahr unterlag, könnte ein schlechtes Resultat jedoch Spaltungen innerhalb der Partei auslösen und ihre Führer diskreditieren, sagt Debski.
Eine Prestigefrage für die Pis ist der Posten des Oberbürgermeisters von Warschau. Den hatte Lech Kaczynski vor seiner Wahl zum Staatspräsidenten inne. Pis schickt dafür den sehr beliebten ehemaligen Regierungschef Kazimierz Marcinkiewicz ins Rennen. Er trat den Posten des Ministerpräsidenten erst vor gut vier Monaten an Jaroslaw Kaczynski ab. Marcinkiewicz liegt laut Umfragen mit 35 Prozent in der Wählergunst knapp vor der PO-Kandidatin, der ehemaligen Zentralbankpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz, mit 34 Prozent.
In fast allen großen Städten führen die amtierenden Bürgermeister in der Wählergunst, unabhängig von ihrer politischen Orientierung. Für die Pis sieht es dabei nicht besonders gut aus, abgesehen von Warschau und Lodz. In Danzig und Breslau könnten sich die derzeitigen Bürgermeister, die der PO nahe stehen, sogar schon im ersten Wahlgang durchsetzen.
Kurz vor diesen Wahlen konnten die Kaczynskis mit Hilfe ihrer Regierungspartner von der ultrakonservativen Liga Polnischer Familien und der populistischen Bauernpartei Samoobrona noch eine Änderung des Wahlrechts erreichen, die ihrer Koalition zugute kommen könnte.

Erstmals Blöcke zugelassen
Danach dürfen die Parteien jetzt erstmals Blöcke bilden. Diese können die gemeinsam gewonnenen Sitze anschließend untereinander aufteilen. Scheitern kleinere Blockpartner an der Fünfprozenthürde, gehen die für sie abgegebenen Stimmen nicht verloren, sondern an die größeren Blockpartner über. Für die Wahlen haben Wahlkomitees neben dem Block der Regierungskoalition zwei weitere Blöcke gebildet: Die PO geht mit der kleinen Bauernpartei PSL zusammen, die postkommunistischen Sozialdemokraten mit der aus der Solidarnosc-Bewegung hervorgegangenen Linken.
Die Polen wählen am Sonntag fast 47 000 Ratsmitglieder und Abgeordnete in 16 Wojewodschaften (Regionen) des Landes. Bei den Wahlen von außerdem fast 2500 Bürgermeistern werden die Entscheidungen teils erst in der zweiten Runde am 26. November fallen. Die Wahllokale sind von sechs Uhr bis 20 Uhr geöffnet.