Was aber das Thema Pflege auf Intensivstationen angeht, da "ist Deutschland allenfalls Entwicklungsland". Die Besucherregelungen seien oft viel zu restriktiv, Angehörige von Patienten würden "nicht als Teil eines sinnvollen therapeutischen Gesamtkonzepts" gesehen. So würden Heilungschancen vertan. Diese harte Kritik fällte die Stiftung Pflege, zu der sich unter anderem namhafte Mediziner, Krankenkassen, Einzelpersonen wie Ex-Sozialminister Norbert Blüm, Hersteller aus der Medizinbranche zusammengefunden haben, gestern in Berlin. Mitte der 80er-Jahre habe es sichtbare Fortschritte gegeben. Doch seit der Rotstift im Gesundheitswesen hart regiere, seien fast überall Rückschritte festzustellen. Dies betreffe vor allem auch den oft "rigiden Umgang" beim Besuch von Familienangehörigen oder Bekannten auf Intensivstationen. So beklagt die Stiftung Pflege, dass auf vielen Stationen Besucherzeiten immer öfter äußerst restriktiv gehandhabt würden.

Störfaktor Besucher
Familienangehörige, die kranke Verwandte besuchen wollten, würden meist als unbequeme "Störenfriede" empfunden und auch so behandelt. Gerade Intensivpatienten litten aber oft an Todesangst, Zukunftssorgen, eingeschränkter Mobilität, Kommunikationserschwernissen oder anderen Stressfaktoren. Viele würden sich in "einer bedrohlichen Situation sehen". Deshalb seien Freunde und vertraute Menschen ,,in den meisten Fällen der Krankheitsbewältigung äußerst wichtige Faktoren, die trösten, schützen und helfen. Patienten und Besucher empfänden die strengen Besuchsregelungen "als gleich schlimm". Krankenhäuser und deren Personal, so das Ergebnis einer bundesweiten Befragung der Stiftung, verschanzten sich auch zu schnell hinter Argumenten wie "hygienische Bedenken, zusätzliche Belastung, Angst vor Kontrollen oder Sorg e um Mehrarbeit". Wilfried Schnepp, Professor an der Uniklinik Witten-Herdecke und engagiert in der Pflege-Stiftung: ,,Es ist wissenschaftlich belegt, dass Menschen in gesundheitlichen Krisensituationen von der Anwesenheit nahe stehender Personen außerordentlich profitieren." Umso erstaunlicher sei es, dass Angehörigen und vertrauten Personen in Krankenhäusern der Zugang zum Krankenbett ,,aus oft nicht nachvollziehbaren Gründen erschwert wird". Die Stiftung Pflege wies darauf hin, dass Intensivpatienten einen Anspruch darauf hätten, für sie wichtige Menschen in ihrer Nähe zu haben und ihre Unterstützung so oft wie nötig in Anspruch zu nehmen. Intensivpatienten hätten auch das Anrecht, über ihre Situation umfassend aufgeklärt und in alle Entscheidungen einbezogen zu werden. Falls sie dazu nicht in der Lage seien, habe ein Mensch ihres Vertrauens das Recht, alle Informatione n über ihre gesundheitliche Situation zu erhalten. Professionelle Betreuer wie Ärzte oder Pfleger sollten den Angehörigen von Intensivpatienten ,,mit Respekt begegnen, sie als therapeutisch wichtig ansehen und mit ihnen gute und individuelle Besuchsregelungen vereinbaren".

Bundesweite Aufklärung
Die Stiftung Pflege kündigte eine Aufklärungskampagne mit dem Slogan "Besuch erwünscht" an. Auch werde darüber nachgedacht, eine entsprechende Zertifizierung für Kliniken einzuführen. Auf einem Gütesiegel könnte dann zum Beispiel stehen: Angehörigenfreundliche Intensivstation.