"Besonders unbefriedigend ist, dass so viele Spiele auf dem Markt sind, die da
nicht hingehören.""Die meisten Erwachsenen möchten, dass das Zeug vom Markt kommt und stimmen dem Titel
Verbot zu, obwohl sie Indizierung meinen."



Herr Pfeiffer, kann der Zusammenhang von Killerspielen und Jugendgewalt belegt werden„
Die Fachwelt hat heute dazu weitgehend eine übereinstimmende Meinung. Es ist nachweisbar, dass Killerspiele - im Zusammenhang mit anderen Belastungsfaktoren - die Gewaltbereitschaft erhöhen.

Wie macht sich das bemerkbar“
Jugendliche, die ohnehin auf männliche Dominanz orientiert sind, tendieren zu solchen Spielen. Wenn sie sich diesen exzessiv widmen oder brutale Filme schauen, fühlen sie sich bestätigt und neigen eher zu Gewalt als andere Altersgenossen. Kurz gesagt: Wenn ein Junge aus einem intakten Elternhaus mit guten Zukunftsperspektiven, verankert in Sportverein und Freundeskreis, sich mit Ballerspielen beschäftigt, wird nichts passieren. Wenn ein Junge aus unsicheren Verhältnissen in kriminelles Verhalten abgerutscht ist, falsche Freunde hat und nur noch in der Computerwelt lebt, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass er gewalttätig wird, beträchtlich.

Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen„
Weil Jungen sich viel intensiver mit Computerspielen beschäftigen als Mädchen, fallen ihre Zensuren zunehmend schlechter als die der Mädchen aus. Vor 15 bis 20 Jahren gab es bundesweit bei den Leistungen zwischen Jungen und Mädchen noch weitgehend Gleichstand. Das traf auch auf die Zahl der Abiturienten zu. Heute steht es beim Abi 58 Prozent (Mädchen) zu 42 Prozent (Jungen). Auch bei der Qualität der Noten überragen die Mädchen. Die Jungen liegen bei den Schulabbrechern mit fast zwei Dritteln vorn. Von den Sitzenbleibern sind 62 Prozent Jungen, 38 Prozent Mädchen. Diesen Leistungsabstand gab es nicht, als PC-Spiele die Kinderzimmer noch nicht beherrschten.

Das Wort Killerspiel ist in aller Munde und nicht jeder meint damit das Gleiche. Wie ist ihre Definition“
Es ist ein Spiel, in dem der Akteur in die Rolle eines Verbrechers gerät, der für nicht akzeptable Ziele Menschen tötet, foltert und mit dem Tode bedroht. Die legalen Spiele sind ab 16 oder ab 18 Jahre eingestuft. Es gibt auch solche, in denen Monster getötet werden. Die sind ab zwölf erlaubt, weil das Rollenspiel im Vordergrund steht. Aber "GTA St. Andreas" oder "Der Pate", die bei Jugendlichen zurzeit hoch im Kurs stehen, sind als Killerspiele zu qualifzieren.

Politik und Öffentlichkeit debattieren, ob solche Spiele, wie es Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) anstrebt, gänzlich verboten werden sollen.
Ein Verbot wäre eine Verschärfung und Präzisierung geltenden Rechts. Der Paragraph 131 im Strafgesetzbuch stellt verherrlichende Gewaltdarstellungen unter Strafe. Er bezieht sich zwar nicht ausdrücklich auf Computerspiele, weil es die zurzeit seines Entstehens noch gar nicht gab. Dennoch könnte auf seiner Basis ein Staatsanwalt ein Killerspiel vom Markt verbannen.

Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sagte sinngemäß, Spiele im Internet zu verbieten, wäre dasselbe, wie Regen untersagen zu wollen.
Frau Zypries meint in dem Fall, dass ein Spiel sowohl im Handel erworben als auch im Internet heruntergeladen werden kann. Ich schließe mich der Position von Günther Beckstein an, der den Paragraphen 131 verschärfen will. Wir haben zwar keinen Zugriff auf die Provider, die Spiele ins Internet stellen - weil die in Amerika oder anderswo sitzen. Das sollte uns aber nicht daran hindern, dagegen vorzugehen, dass solche hierzulande mit viel Reklame verbreitet werden. Der Normalbürger bezieht seine Spiele nicht aus dem Internet, die meisten Jugendlichen auch nicht.

Was macht Sie so sicher„
Nehmen wir die indizierten Spiele. Das sind solche, bei denen die Bundesprüfstelle festgelegt hat, dass sie nicht öffentlich verkauft und beworben werden dürfen. Eine gute Sache. Denn, obwohl diese Spiele auch im Internet zu bekommen wären, haben sich nur 0,1 Prozent der zehnjährigen Kinder und 2,5 Prozent der 14/15-Jährigen von bundesweit 6500 Kindern und 17 000 Jugendlichen, die unser Institut befragt hat, damit beschäftigt. Der Grund: Sie haben diese Spiele gar nicht kennen gelernt, weil die nicht in der Werbung angepriesen werden konnten. Ein Spiel vom Markt zu verbannen, hat also durchaus durchschlagende Wirkung.

Sie plädieren also für ein Verbot“
Da schon eine Indizierung Ergebnisse zeigt, wäre auch ein Verbot nicht unwirksam. Allerdings würde es an Grenzen stoßen. Die Staatsanwaltschaften in Deutschland sind jetzt schon überlastet. Gerade diejenigen, die sich mit Jugendmedienschutz befassen, haben alle Hände voll zu tun. Vor allem mit der Verfolgung von Kinderpornographie. Zurecht wird alle Kraft darauf verwendet, wehrlose Opfer vor brutalen Übergriffen zu schützen. Da bleibt derzeit nicht mehr genug Kraft, sich opferlosen Medienschutzverstößen zuzuwenden. Das ist kein moralischer Vorwurf gegenüber den Staatsanwaltschaften. Sie leiden, so absurd das klingt, darunter, dass die Polizei die Aufklärungsquote in den vergangenen zehn Jahren um ein Fünftel erhöht hat. Das heißt, die Staatsanwälte bekommen 20 Prozent mehr Arbeit, die sie mit eher weniger Personal bewältigen müssen. Da läuft dann auch ein guter Gesetzentwurf ins Leere.

Wie also können die Jugendlichen besser geschützt werden„
Aus meiner Sicht stellt eines der größten Probleme im Jugendmedienschutz die unzureichende Arbeit der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle dar. Hier besteht dringender Reformbedarf.

Sie gehen seit Längerem mit der USK scharf ins Gericht, warum“
Mitarbeiter unseres Instituts haben 72 Spiele, die auf dem Markt sind, nachgespielt. Das Ergebnis: Bei einem beachtlichen Anteil ist die Alterseinstufung der USK nicht nachvollziehbar. Von den ab 18 zugelassenen würden wir mindestens die Hälfte der Spiele der Bundesprüfstelle zur Prüfung einer Indizierung vorlegen, und dazu noch einige, die "ab 16" eingestuft wurden. Wenn die USK heute eine Einschätzung "ab 16" oder "ab 18" abgibt, dann ist das wie ein Adelstitel. Es ragt heraus aus der großen Gruppe der harmlosen Spiele und wird zum Zielobjekt von Kindern und Jugendlichen. 50 Prozent der zehnjährigen Jungen hatten laut unserer Befragung Erfahrungen mit Spielen, die ab 16 eingestuft sind. 82 Prozent der 14/15-jährigen Jungen spielen zumindest gelegentlich und ein Drittel häufig Spiele, die ab 18 eingestuft wurden. Das heißt, der Jugendmedienschutz funktioniert nicht.

Wo sehen Sie Gründe„
Zwei Dinge sind zu unterscheiden. Dass die Spiele so eine hohe Verbreitung in Altersgruppen finden, für die sie nicht gedacht sind, hat mit der Schlampigkeit des Marktes, aber auch mit der Unwissenheit von Eltern, was ihre Kinder machen, zu tun. Aber besonders unbefriedigend ist, dass so viele Spiele auf dem Markt sind, die da nicht hingehören. Wir haben uns deren Gutachten angeschaut und bemerkt, dass unsere eigenen Inhaltsfeststellungen sehr viel detaillierter und deutlicher hinsichtlich der Gewaltexzesse sind, als jene, die USK-Gutachter vorgelegt hatten. Offenbar werden diese ungenügend informiert.

Wie kommt das“
Die Information liegt in den Händen von Testern, die behaupten, dass sie alle Spiele komplett durchexerzieren. Wir haben im Institut nachgerechnet. Es ist ausgeschlossen, dass diese Angabe stimmt. Die vier Tester der USK müssten pro Woche mindestens 120 Stunden arbeiten, um das Pensum zu bewältigen. Sie haben aber nur eine 40-Stunden-Woche. Also ist etwas faul. Durch Interviews der Tester sind wir zudem darauf gestoßen, dass diese zwei Herren dienen. Sie sind außer für die USK auch für die Industrie tätig. Wenn eine Firma ein Spiel entwickelt, holt sie den Rat der Tester ein, wie ein solches zu gestalten ist, damit es bei der USK eine bestimmte Altersfreigabe erreicht. Das darf nicht sein. Manchmal, so war zu hören, gehen Spiele viermal hin und her, bis der Tester der Firma bescheinigt: So könnte es durchgehen. Diese Industrienähe hat mit unabhängiger Kontrolle nichts zu tun.

Was würden Sie ändern„
Handlungsnormen der USK müssten überdacht und klarer formuliert werden. Zudem wäre es gut, wenn mehrere Bundesländer - statt bisher nur Nordrhein-Westfalen - beteiligt würden. Die USK-Zuständigkeit der Länder sollte turnusmäßig wechseln - damit es nicht zu Burn-Out-Symptomen kommt. Denn es besteht die Gefahr abzustumpfen, wenn sich jemand jahrelang Gewaltszenen ansehen muss.

Immerhin zwei Drittel der Deutschen würden einem Verbot von Killerspielen sofort zustimmen“
Die meisten Erwachsenen möchten, dass das Zeug vom Markt kommt und stimmen dem Titel "Verbot" zu, obwohl sie Indizierung meinen. Denn sie möchten nicht wirklich, dass ihre Kinder gleich kriminalisiert werden, wenn sie mal so ein Spiel besitzen und an andere Kinder weitergeben. Auch ich bin überzeugt, eine verstärkte Indizierung ist nötig. Das erfordert jedoch, dass Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und USK besser zusammenarbeiten. Der Bundesprüfstelle sind aber die Hände gebunden, sobald ein Spiel mit dem Etikett "ab 16" oder "ab 18" versehen wurde. Deshalb rät unser Institut zu mehr Sensibilität im Vorfeld. Wenn nur zwei von den fünf Gutachtern der USK Bedenken anmelden, sollte zusätzlich die Bundesprüfstelle eingeschaltet werden. Wir müssen einsehen, dass wir den Jugendmedienschutz nicht allein über das Strafrecht in den Griff bekommen.

Sie fordern, dass sich die Computer-Industrie am Jugendmedienschutz beteiligen soll. Ist das realistisch„
Wieso nicht, wir haben auch Steuern auf Alkohol und Zigaretten. Warum nicht auf Computerspiele“ Ich wäre dafür. Das Grundprinzip heißt doch, wer Gefahren schafft, soll auch für ihre Beherrschung sorgen. Dieses Geld wäre dringend nötig für Aufklärung, Forschung und Therapieansätze zum Beispiel bei der Computerspielsucht.

Mit CHRISTIAN PFEIFFER
sprach Verena Ufer