„Wir
besprechen sehr offen, was in den letzten
Lebenstagen passieren kann . . .“
 Annette Wallenburg, Leiterin des Stadthospizes Cottbus


„Zehn Jahre, was für eine lange Zeit.“ Selbst Hospiz-Gründerin Annette Wallenburg zuckt einen Moment zusammen, wenn sie an die Wegstrecke denkt, die hinter ihr liegt. 2000 Patienten aus Südbrandenburg und den angrenzenden Gemeinden Sachsens und Sachsen-Anhalts sind im Hospiz gestorben, viele andere haben hier Kraft getankt. Seit mittlerweile fünf Jahren bietet das Stadthospiz Krebskranken aus der näheren Umgebung ambulante schmerztherapeutische Betreuung und Begleitung bis hin zum Tod.
Vor Annette Wallenburg liegt ein dickes, ledergebundenes Gästebuch. Dankesbriefe von Angehörigen, Traueranzeigen, Gedichte früherer Patienten, Fotos von großen Geburtstagsfeiern im Hospiz. „So viele Erinnerungen“ , sagt sie kopfschüttelnd. Manche Namen haben gar keine Spuren hinterlassen, so still und unauffällig waren ihre Träger. „Bei anderen weiß ich bis heute, welches Zimmer, welches Bett, welches Ende“ , erinnert sich die Pflegerin. „Gerade die, bei denen es nicht so glatt lief, die besondere Probleme hatten oder mit denen man sich nicht gleich grün war, haben sich unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben.“ Die Hochzeiten gehören ganz bestimmt dazu. Von Sabine, der jungen Zahnärztin. Sie hatte sich mit ihrem Lebensgefährten eine Praxis aufgebaut, ein Haus gebaut, eben einfach gelebt. Nur das Heiraten, das hatte sie vergessen. Kurz vor dem Ende des Lebens, da sollte es dann doch noch sein, das Gefühl: „Das da ist mein Mann.“ Auch Natalia, eine junge Frau aus der Ukraine, heiratete am Krankenbett, und ebenso eine geschiedene Frau, die niemals wirklich von ihrem Ehemann losgekommen war. Im Hospiz gaben sich beide erneut das Ja-Wort.
„Für unsere Feste haben wir sogar ein spezielles Tisch-System entworfen“ , erzählt Annette Wallenburg. „Es reicht vom Krankenbett bis hinaus auf die Flure. Und die Gäste wechseln immer wieder ihre Plätze, sodass jeder einmal direkt neben dem Patienten sitzen kann.“
Die Schmerztherapie sei inzwischen so ausgereift, dass nahezu alle Kranken schmerzfrei durch die Tage kommen. „Durch die Morphinpumpen können sie ihre Medikamentendosis selbst regulieren und so für sich persönlich bestimmen, wo der optimale Punkt zwischen Betäubtheit und Schmerzempfinden liegt.“
Theaterbesuche, Ausflüge ins Energiestadion, ja sogar große Reisen werden aus dem Hospiz heraus organisiert. Zumeist aber spielt sich zwischen den jeweils rund 20 Patienten und 21 Krankenschwester schnell so etwas wie Alltag ein. Die Ernährung wird ganz speziell auf die Wünsche des Kranken und den Gesund eitszustand abgestimmt, über das Thema „Magensonde ja oder nein“ wird schon zu Beginn des Aufenthaltes gesprochen. Patienten, Angehörige und Hospiz-Leitung besprechen alle Details einer Versorgungsvollmacht. Sind keine Verwandten ansprechbar, wird ein Betreuer hinzugezogen. Annette Wallenburg: „Wir besprechen sehr offen, was in den letzten Lebenstagen passieren kann. Vor Schmerzen und vor einem Erstickungstod haben die Menschen die größte Angst, da aber können wir sie beruhigen.“ Onkologen, Chirurgen, Lungenfachärzte sind jederzeit innerhalb von Minuten im Haus, auch da also kein Grund zur Angst.
Mit den anderen, mit den großen und unbestimmbaren Ängsten haben die Angestellten im Hospiz mittlerweile ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht. Sie erfüllen letzte Wünsche, sie halten die Hand, sie trösten und sie lachen gemeinsam. Es ist, neben allem anderen, auch ein fröhliches Haus, ein Ort für das Leben ebenso wie für den Tod. Blumen, frisches Obst, Bilder, all das wird von Ehrenamtlichen, oft Angehörigen früherer Patienten, vorbeigebracht. Trauerarbeit, die der Lebensfreude verbunden bleibt. Auch Annette Wallenburg sagt von sich, dass sie ein fröhlicher, zupackender, bejahender Mensch ist. Nur heute, so kurz vor dem großen Jubiläum, da ist sie ungewohnt still. 2000-mal Sterben - die Zahl scheint ihr nachzuhängen, gerade erst wieder wurden vier Patienten verabschiedet. „Wir haben sie auf ihre letzte Reise geschickt“ , sagt die 54-Jährige und gibt zu, dass an ihr dieses ewige Abschiednehmen nicht mehr ganz so spurlos vorüberzieht als noch vor Jahren.
Auch einen großen persönlichen Vorsatz hat sie inzwischen gebrochen. „Kinder, die begleite ich niemals“ , hatte sie noch vor fünf Jahren beteuert. „Aber wenn dann die Eltern vor dir stehen und bitten, dann sagst du irgendwann doch einmal ja.“ Und so sind unter den 2000 nun auch drei sehr junge Menschen, die sich in den Mauern des Cottbuser Hospizes verabschiedet haben.
„Kinder sind im Sterben eigentlich viel rationaler als Erwachsene, es müsste fast leichter sein, sie zu betreuen. Aber wenn so ein Siebenjähriger mich fragt, warum er denn jetzt gehen muss, wo das Leben noch gar nicht angefangen hat, was soll ich ihm denn da sagen?“ Nein, das Stadthospiz wird kein Ort für Kinder werden. Die Johanniter in der Stadt denken über eine solche Einrichtung nach. „Bei der Vorbereitung helfe ich gerne“ , bietet Annette Wallenburg Hilfe an, „aber sobald der erste Patient einzieht, verabschiede ich mich.“ Sie hat mit ihrer Erfahrung inzwischen vielen Hospizgründungen zur Seite gestanden.
In Brandenburg gibt es sechs Häuser mit rund 70 Betten. „Viel mehr braucht es nun auch nicht“ , sagt die Expertin, wichtiger sei der Ausbau ambulanter Palliativdienste. Denn das sei der größte Wunsch vieler Sterbender: bis zuletzt Zuhause sein, in den eigenen vier Wänden. Ohne Angst haben zu müssen vor Schmerzen und Einsamkeit.

zum thema Große Hospiz-Gala in Cottbus
 Das zehnjährige Jubiläum des Cottbuser Stadthospizes wird am 2. Juni mit einer Gala im Radisson SAS Hotel gefeiert. Die Moderation übernimmt die aus Cottbus stammende ZDF-Sportmoderatorin Jana Thiel - sie unterstützt das Hospiz als Dankeschön für die gute Betreuung ihrer Mutter. Stargast des Abends ist Manfred Krug. Einladungen und Restkarten (100 Euro) für den Abend gibt es unter Telefon 0355 / 43 12 43.