Lobbyverbände und Verbraucherschützer klagen deshalb regelmäßig, der Preis für den Sprit sei überteuert. Auch der Bundesfinanzminister hat sich in den Chor des Protestes eingereiht. Die Kostenentwicklung beim Rohöl gehe "wie ein Jo-Jo auf und ab", sagte Peer Steinbrück (SPD) jetzt im Bundestag. Da frage man sich schon, "warum im Abwärtstrend die Benzinpreise nicht ebenso elastisch sinken, wie sie im Aufwärtstrend für die Verbraucher steigen", so der Minister. Offenbar liegen die Dinge etwas komplizierter. Das gibt jedenfalls die Mineralölindustrie zu bedenken. Und auch die Grünen sehen in Steinbrücks Äußerung eine einseitige Betrachtung.

Einkaufspreis weitergegebenDie Sprecherin des Verbandes der Mineralölwirtschaft, Barbara Meyer-Buckow, verweist darauf, dass ein Vergleich prozentualer Veränderungsraten zwischen dem Benzin- und Ölpreis keinen Sinn ergebe, denn bei einem Liter Benzin seien immer 89 Cent an Steuern enthalten, während der Ölpreis einen solchen fixen Anteil nicht aufweise. Die Veränderung der Einkaufskosten würde sich daher nur auf einen kleinen Bestandteil der Tankstellenpreise auswirken.

Der bislang höchste Rohölpreis wurde Anfang Juli registriert. Damals lag der Benzinpreis inklusive Steuern durchschnittlich bei 1,59 Euro pro Liter. In der Vorwoche waren es im Schnitt 1,48 Euro, also elf Cent weniger. Die Beschaffungskosten in Euro seien aber im gleichen Zeitraum nur um neun Cent gesunken, rechnet Meyer-Buckow vor. Ähnlich sei es bei Diesel. Hier reduzierten sich die Beschaffungskosten seit Juli um 16 Cent pro Liter, während der Preis an den Tankstellen bis zur Vorwoche durchschnittlich um 17 Cent nachgegeben habe. Ihr Fazit: Die Senkung der Einkaufskosten sei "voll an die Verbraucher weitergegeben" worden.

Ölpreis und Euro gesunkenAuch nach Ansicht des energiepolitischen Sprechers der Grünen, Hans-Josef Fell, werden die Gewinnmitnahmen in der Branche "überschätzt". Er verweist auf den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar, der in Steinbrücks Betrachtung völlig fehle. "Der Ölpreis ist nach unten gegangen, aber der Euro eben auch." Deshalb schlage sich der Preisverfall weniger stark an den Zapfsäulen nieder, sagt Fell. Der Spitzenpreis für ein Barrel Öl, das sind 159 Liter, lag im Juli bei 144 Dollar. Das waren nach dem damaligen Wechselkurs 91 Euro. In der Vorwoche kostete das Barrel 91 Dollar. Macht nach dem aktuellen Wechselkurs 64 Euro. Hätte noch der Wechselkurs vom Juli Bestand gehabt, wären es nur 57 Euro gewesen.

Für Fell offenbart die Preisentwicklung noch ein ganz anderes Phänomen. "Der Ölpreis geht derzeit tendenziell nach unten, obwohl in großen Ölregionen wie dem Kaukasus oder Nigeria gewaltige Krisen herrschen." Früher hätten solche Spannungen immer für Preisanhebungen herhalten müssen. "Das ist nun widerlegt", so Fell. Der Preis werde in erster Linie durch die Nachfrage beeinflusst. Auf lange Sicht sei jedoch eine Verteuerung des Öls und damit auch des Benzins unausweichlich. "Nach bisherigen Schätzungen wird die Ölförderung in absehbarer Zeit um etwa drei Prozent pro Jahr sinken, weil die großen Förderkapazitäten zur Neige gehen und neu erschlossene Ölfelder nicht ausreichend Eratz bieten", erläutert Fell.