Bei amerikanischen TV-Duellen unterziehen Heerscharen von Mitarbeitern die Argumente praktisch in Echtzeit einem "Faktencheck" und stellen falsche Behauptungen sofort öffentlich richtig ("rapid response", schnelle Reaktion). Am gestrigen Donnerstag bei der ersten direkten Redebegegnung zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück von der SPD mussten die Akteure noch selbst ran. Selten wurde so intensiv im Bundestag auf den Tablet-PCs herumgegoogelt wie nach Steinbrücks Vortrag.

Der Sozialdemokrat hatte Angela Merkel vorgeworfen, sie stelle zwar anderen EU-Ländern Reformbedingungen, erfülle aber ihre eigenen Hausaufgaben nicht. So habe gerade erst die EU-Kommission Deutschland empfohlen, auf das geplante Betreuungsgeld zu verzichten. Das ließ die Kanzlerin nicht ruhen, erinnerte sie sich doch anders an den Original-Wortlaut aus Brüssel. Bald fuchtelten an Merkels Platz die Kanzlerin selbst und über sie gebeugt ihr Regierungssprecher Steffen Seibert und Fraktionschef Volker Kauder gemeinsam auf Merkels Mini-Computer herum. Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) forderte die drei wie ertappte Schüler auf, "dass auf der Regierungsbank wenigstens die Sitzungsordnung wieder hergestellt wird". Doch Kauder, der als nächster Redner dran war, hatte die Passage gefunden. Kein Wort stehe vom Betreuungsgeld in dem EU-Papier, rief er Steinbrück zu. "Was ein Kanzler sagt und auch ein Kanzlerkandidat, das muss stimmen, darauf muss Verlass sein." Merkel lächelte triumphierend, doch jetzt googelte auch SPD-Chef Sigmar Gabriel, wurde fündig und meldete sich. Immerhin habe die EU "fiskalische Fehlanreize des Zweitverdieners" im deutschen Recht kritisiert, und was sonst meine das wohl als das Betreuungsgeld?

"Ihr zweites Fukushima?"

Das Geplänkel endete also Unentschieden - so wie das ganze Duell. Es herrschte schon ein bisschen Wahlkampfstimmung. An der sich die Kanzlerin allerdings direkt nicht beteiligte, eben nur im Hintergrund beim Faktencheck. Sie begann und endete ihren Vortrag mit dem staatstragenden Hinweis auf den Friedensnobelpreis für die EU und der Verpflichtung, die daraus erwachse. Ganz nebenbei streute sie noch ein, was sie den EU-Staatschefs beim Gipfel in Brüssel vorschlagen will: Aus dem Aufkommen der Finanztransaktionssteuer solle ein Fonds für strukturschwache Länder finanziert werden.

Das genau hatte die Opposition lange gefordert, als Merkel sogar noch gegen die Finanztransaktionssteuer selbst war. Steinbrück fragte erstaunt: "Wo war ihr zweites Fukushima, dass sie zu einer solchen Wende kommen?" Der SPD-Mann war klar auf Attacke getrimmt und traf auch mehrfach. Aber seine Rede war rückwärts gewandt.

Erst Nein und zu spät Ja gesagt

Ob es der Rettungsschirm ESM sei, die Finanztransaktionssteuer und jetzt Wachstumsprogramme, immer habe Merkel erst Nein gesagt und erst zwei Jahre zu spät Ja, fand der Herausforderer. Jetzt gebe sie zusammen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Garantien für Griechenland ab, aber noch im Sommer hätten CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt oder Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) den Austritt des Landes aus dem Euro herbeigeredet. "Weder Helmut Kohl noch ein anderer Ihrer Vorgänger hätte zugelassen, europäische Nachbarländer derart für innenpolitische Zwecke zu missbrauchen", sagte Steinbrück. Merkel habe sehr viel Porzellan in Europa zerschlagen.

Freilich, Steinbrück selbst hat seinen Kurs auch schon öfter korrigiert. Und er war bis 2009 Merkels Finanzminister in der Großen Koalition. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle nutzte dies. Die Krise der Lehman-Bank habe der Sozialdemokrat damals zunächst als "amerikanisches Problem" bezeichnet, auch sei er anfangs gegen Athen-Hilfen und Eurobonds gewesen. Volker Kauder hielt dem Herausforderer dessen frühere Attacken gegen die Schweiz vor, der Steinbrück mit der "Kavallerie" gedroht hatte. Von wegen Missbrauch von Nachbarländern für innenpolitische Zwecke. Als der SPD-Kandidat protestierte, polterte Kauder: "Sie sind sehr gut im Austeilen. Sie müssen auch gut werden im Einstecken."