Der lächelte: "Nein, aber wenn Du willst, kannst Du sofort einziehen..."
Und ob der damals 28-Jährige wollte! Seit Kindesbeinen an liebt er alte Kirchen, ist er in Chemnitz und seine Historie vernarrt. Also kam die Stadt plötzlich wieder zu einem Türmer. Eine Tradition, die hier immerhin seit 1488 überliefert ist.
Stück für Stück baute sich der gelernte Maschinenbauer den Turm des fast 800-jährigen neogotischen Gotteshauses urig- wohnlich aus - immerhin 60 Quadratmeter, zu denen er jedes Möbelteil über eine enge Wendeltreppe 130 Stufen hinauf buckeln musste. Allerdings brauchte er dann lange Zeit keine Miete löhnen. "Der Pfarrer hat sie bis zur Wende damit verrechnet, dass ich ihm die Turmuhr aufzog und vor Gottesdiensten die Glocken läutete", erzählt er.
Dass er hier oben kein Bad hat, im Winter die Winde ganz schön um das ungedämmte Gemäuer pfeifen und auch schon einmal ein Kugelblitz durch den Turm donnerte, nimmt er in Kauf. Dafür boten sich ihm nunmehr ungeahnte Chancen, in die Urgründe seiner Stadt einzutauchen. Denkmalexperten werten die Schlosskirche als wertvollstes Baudenkmal von Chemnitz. Stolz verweist Weber auf Highlights seines "Wohnhauses": ein prachtvoll bemalter Flügelaltar und eine mysteriöse Geißelsäule aus der Dürer-Zeit. Für Auswärtige sei es jedoch oft der Höhepunkt, mal einen Blick in sein Turmdomizil zu werfen, das er nur mit Kater Kasimir teilt, erzählt er schmunzelnd.

Es war ein langer Weg
Seit Ende der 80er-Jahre gilt Stefan Weber sogar als Herr der zwei Türme. Zum Wohnturm gesellte sich ein Dienstturm hinzu - der Hohe Turm der Stadtkirche St. Jacobi, der sich direkt an das Chemnitzer Rathaus anschließt. Es ist traditionell der Türmersitz der Stadt. Doch ab 1846 war der Posten nicht mehr vergeben worden. Dem galt es abzuhelfen. Doch es sei dennoch ein langer Weg zum Türmer gewesen, räumt er ein. Anfangs gestattete man ihm nur probeweise, in historischem Gewand Gäste aufwärts zu führen und seine Rufe über die Stadt schallen zu lassen. Als dies aber gut anlief, darf er seit einigen Jahre sein Hobby sogar zum Beruf machen - einzigartig in einer deutschen Großstadt.
Natürlich müsse er nicht mehr wie seine Vorgänger im Mittelalter "winters und sommers dy nachwach" versehen sowie morgens, mittags und abends die Zeit blasen, erzählt er. Auch das Achthaben auf Feuer, Unwetter oder nahende Feinde sei Geschichte. Dennoch wehre er sich strikt dagegen, die wiederbelebte Tradition als Klamauk zu betreiben. So nutzt er etwa eine nostalgische "Flüstertüte" statt neumodischer Mega- oder Mikrophone. Auch Inhalt und Anlass seiner Verkündigungen halten sich streng an historische Vorgaben. Noch immer beginnt jeder Ruf mit: "Hört ihr Leut und lasst euch sagen..."

Ausgeprägte Individualisten
Bei alledem wären Türmer schrullige Gesellen, halt ausgeprägte Individualisten, räumt er ein. Zu erleben ist das vom 29. Mai bis 1. Juni, wenn sich in Chemnitz rund hundert Türmer und Nachtwächter aus ganz Europa zu ihrem Internationalen Jahrestreffen begegnen.
Weber hat sie allesamt eingeladen - zum ersten Mal im deutschen Osten. Höhepunkte werden eine Zunftsitzung im Rathaus, Darbietungen auf Chemnitzer Straßen sowie ein großer Auftritt am Samstag im Wasserschloss Klaffenbach sein.