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Staunen über die Deutschen

Es geht eher gesittet zu im Bundestagswahlkampf. Hier demonstrieren Unternehmer bei der Aktion "Mittelstand – Melkkuh der Politik".
Es geht eher gesittet zu im Bundestagswahlkampf. Hier demonstrieren Unternehmer bei der Aktion "Mittelstand – Melkkuh der Politik". FOTO: dpa
Berlin. Wie berichten europäische Auslandskorrespondenten aus Berlin über den deutschen Wahlkampf? Welche Themen bewegen ihre Redaktionen, mit welchem Ausgang rechnen sie persönlich? Die RUNDSCHAU fragte fünf Kollegen. Nataliia Fiebrig schaut während des Gesprächs oft auf ihr Handy. Werner Kolhoff

Die Deutschland-Korrespondentin des ukrainischen Fernsehsenders "1 plus 1" wartet auf einen Rückruf von Angela Merkels hochbetagter Russisch-Lehrerin. Für ein Porträt. Mit Merkels Friseur Udo Walz hat sie schon gesprochen. Die Kanzlerin ist ungemein populär in Fiebrigs Heimat. Nicht nur, weil sie Putin Paroli bietet. Sondern auch als Person. Also lässt ihr Sender es menscheln in der Berichterstattung. Die politischen Themen des deutschen Wahlkampfes stoßen hingegen kaum auf Interesse in Kiew. Nicht einmal Christian Lindners Idee, die Russland-Sanktionen zu beenden. Man warte ab, welche Koalition regieren werde. Dass Merkel dann weiterhin Kanzlerin ist, ist für Fiebrig ausgemacht. "Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt dachte ich: Das war's für Merkel", sagt sie. "Aber hier in Deutschland läuft Politik anders."

Stefan Wagstyl von der britischen "Financial Times" erzählt, dass in seiner Heimat vor allem interessiert, wie die deutschen Parteien mit dem Brexit umgehen. Dass Merkel gewinnt, hält auch er für ausgemacht. Die Wahl Trumps in den USA habe ihr zusätzlich geholfen. "Viele Deutsche setzen in so einer unsicheren Welt auf Merkel, und sie versteht es, dieses Gefühl zu bedienen." Erstaunt ist Wagstyl darüber, wie wenig konkret die Parteien im Wahlkampf bei ihren Versprechungen sind und wie vornehm sie miteinander umgehen. Da gehe es in England doch ganz anders zur Sache. Auch über die AfD wird in Großbritannien viel berichtet. Er persönlich, sagt Wagstyl, finde ihr Erscheinen zwar nur eine Normalisierung der deutschen Politik - schließlich gebe es die Rechtspopulisten fast überall in Europa. In England aber sagten viele, dass nun die Nazis in Deutschland zurück seien.

Thibaut Madelin schreibt für die französische Wirtschaftszeitung "Les Echos". Er findet die Umfragezahlen "zu stabil, um wahr zu sein". Noch vor zwei Jahren sei Merkel wegen der Flüchtlingskrise unten durch gewesen, und vor einem halben Jahr habe der Schulz-Hype gezeigt, dass die Leute neugierig auf etwas Neues seien. Madelin glaubt deshalb nicht, dass die Wahl so deutlich zugunsten der Kanzlerin ausgeht, wie es derzeit in den Umfragen aussieht. Aufgefallen ist auch dem "Echos"-Korrespondenten, dass es im Wahlkampf kaum polarisierende Themen gibt. Das war in Frankreich bei den zurückliegenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ganz anders. Zum Aufstieg der AfD sagt Madelin: "Ich glaube, da habt ihr hier mehr Angst als der Rest Europas. In anderen Ländern sind die Rechtspopulisten schon Normalität."

Georgios Pappas, Korrespondent des griechisches Fernsehsender ERT und der Zeitung Ta Nea, sagt, die Griechen interessieren sich für die deutschen Wahlen sogar fast noch mehr als für die heimische Politik. "Alle denken, dass über ihr Leben und ihr Schicksal sowieso letztlich in Berlin entschieden wird." Als Martin Schulz im Frühjahr kurze Zeit gleichauf mit Angela Merkel lag, sei man regelrecht elektrisiert gewesen. Man habe sich von dem Sozialdemokraten eine Lockerung des Spar- und Reformdrucks erhofft. Nun, da klar sei, dass Merkel gewinnen werde, konzentriere sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, ob Wolfgang Schäuble wieder Finanzminister werde. Er sei in Griechenland nach wie vor sehr verhasst.

Ewald König arbeitet unter anderem für die Austria Presse-Agentur, Österreich. Er erwartet, dass die CDU mit Angela Merkel "eindeutig die Nummer eins" wird. Zwar findet er, dass kein einziger Merkel-Herausforderer eine echte Chance gehabt hätte, sieht dennoch Fehler bei der SPD und Martin Schulz. Zum Beispiel die Debatte um eine rot-rot-grüne Koalition. Das Thema soziale Gerechtigkeit habe nicht gezogen, das CDU-Thema Sicherheit viel mehr. Erst in vier Jahren, wenn Merkel wahrscheinlich aufhöre, verändere sich die Lage für die Sozialdemokraten, prophezeit König. Aufgefallen ist ihm, dass das Flüchtlingsthema anders als in Österreich kaum eine Rolle spielt. In der Alpenrepublik gehe es viel polarisierender zu, vielleicht weil die rechte FPÖ die anderen Parteien in dieser Frage vor sich hertreibe. "In Deutschland kommt Populismus nicht so an", sagt König trotz der AfD-Erfolge.