Manche Blätter sind mehrfach durchgerissen, andere nur einmal. Es sind Berichte, Formulare, kopierte Karteikarten und Bilder. "Vorvernichtet" für den Reißwolf wurden diese Aktenbestände des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in den Dienststellen des ehemaligen Bezirkes Cottbus kurz bevor Anfang Januar 1990 Bürger die Geheimdienstbüros besetzten.Seit Jahren liegen diese Papierfetzen eingesackt in Kellern der Stasiunterlagenbehörde (BStU), Außenstelle Frankfurt (Oder), die für die ehemaligen Bezirke Cottbus und Frankfurt zuständig ist. Mehr als 1500 Säcke sind es insgesamt, pro Sack etwa 2300 Blatt zerrissenes Papier, das niemand mehr zu Gesicht bekommen sollte. Doch nun bestehen gute Aussichten, dass diese Akten in wenigen Jahren wieder komplett rekonstruiert sein können.Möglich macht das ein Computerprogramm, das Wissenschaftler vom Frauenhofer Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik und Mitarbeiter der BStU in Berlin entwickelt haben. Bis Mitte 2010 läuft nun ein Pilotprojekt, in dem 400 von insgesamt mehr als 15 000 Säcken mit zerrissenen Stasiakten aus ganz Ostdeutschland wieder hergestellt werden. Mit den dabei gewonnenen Erfahrungen wird das Verfahren perfektioniert.Die virtuelle Rekonstruktion ist beeindruckend. Schicht für Schicht werden die Schnipsel aus den Säcken geholt, ihre Herkunft so genau wie möglich digital festgehalten. Dann wandern die Fetzen durch einen Scanner, der Vorder- und Rückseite gleichzeitig abtastet und das erfasste Bild exakt und farbgetreu abspeichert. Wie von Geisterhand fügt die Spezialsoftware dann zusammengehörende Teile aneinander.In den Schnipselsäcken lagert überwiegend Stasimaterial aus den Jahren 1985 bis 1989. Wer bis zum Ende der DDR gespitzelt hat und als besonders "wertvoller" Zuträger (inoffizieller Mitarbeiter, IM) galt, konnte bisher damit rechnen, dass seine Akte vernichtet wurde. "Es ist eine erhebliche Gerechtigkeitslücke, dass es besonders hochkarätigen IM gelungen ist, sich über 20 Jahre zu verstecken", bedauert deshalb auch Rüdiger Sielaff, Leiter der BStU-Außenstelle Frankfurt (Oder). Mit der Rekonstruktion zerrissener Akten könne diese Lücke jetzt schrittweise geschlossen werden. Leere Aktendeckel mit IM-Tarnnamen werden sich so wieder füllen.Zahlreiche bisher mühsam per Hand zusammengefügte Blätter, auch aus dem Archivbestand der Bezirksverwaltung Cottbus des MfS belegen das. "Darin befinden sich Informationen zu überwachten Personen, zu Republikfluchten, viele Berichte und Unterlagen von Spitzeln, ganze IM-Listen", so Außenstellenleiter Sielaff. Neben der individuellen Aufarbeitung sei die Rekonstruktion auch für die Decknamenentschlüsselung, die Bearbeitung von Rehabilitierungen und Opferrenten wichtig. "Erst mit einer möglichst vollständigen Betrachtung der Akten ist auch eine historische Beurteilung der Gesamttätigkeit des MfS möglich", fügt Sielaff hinzu. Zu den jüngsten erschlossenen Akten gehört Material der Abteilung VIII der Bezirksverwaltung Cottbus des MfS. Dahinter verbargen sich drei Gruppen mit je etwa 20 "hauptamtlichen inoffiziellen Mitarbeitern". In Zivil haben sie Menschen auf Schritt und Tritt beobachtet, verfolgt und heimlich fotografiert.Dass das Thema Staatssicherheit die Menschen in der Region weiter bewegt, zeigen Zahlen. Im vorigen Jahr gingen bei der Außenstelle Frankfurt (Oder) rund 5250 Bürgeranträge ein, so viel wie seit zehn Jahren nicht mehr. Bei einer Veranstaltung in Luckau (Dahme-Spreewald) Anfang Februar waren es allein 130 Anträge an einem Tag.