Es ist ein ungewöhnliches Zusammentreffen. Wo die DDR-Justiz einst "im Namen des Volkes" Unrecht gegen Oppositionelle sprach, diskutieren Dissidenten von einst mit einem Ex-Major der Stasi.

Im einstigen Geraer Schwurgerichtssaal erinnert nur noch eine Luke hinter der Anklagebank daran, dass auch wenn die Öffentlichkeit bei solchen Prozessen meist ausgeschlossen war, die Stasi als Beobachter mit von der Partie war. Nach 30 Jahren ist der heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, dorthin zurückgekehrt, wo er wegen mutiger Aktionen in Jena zu 22 Monaten Haft verurteilt wurde. Sein Ziel: Er will durch die Diskussion mit dem einstigen Stasi-Mann Verantwortlichen von damals eine Brücke bauen, Reue zu zeigen und mitzuhelfen, das Unrecht aufzuarbeiten.

"Auch Stasi-Offiziere sind Zeitzeugen", betont der 59-Jährige. Einer davon sitzt am Donnerstagabend rechts von ihm: Bernd Roth, ein ehemaliger Major der Stasi. Er arbeitete in der Kreisdienststelle Saalfeld und war am Rande beteiligt, als Jahn im Juni 1983, von der Stasi eingesperrt in ein Zugabteil, gegen seinen Willen in den Westen abgeschoben wurde. Es ist das erste Mal, dass Jahn in seiner heutigen Funktion öffentlich mit einem Ex-Stasi-Offizier diskutiert. Anlass ist das Jubiläum der Friedensgemeinschaft Jena und der Aktion "Gegenschlag", mit der die Stasi vor 30 Jahren die Jenaer Opposition zerschlug. "Ich sage Ihnen ganz offen: Ich habe Sie damals gehasst", bekennt Roth und gibt in dem proppenvollen Saal Einblicke in seine damalige Gedankenwelt und die Arbeit der DDR-Staatssicherheit. In dem Apparat sei alles so arrangiert gewesen, dass keine persönliche oder emotionale Nähe zu denen, die observiert und verfolgt wurden, entsteht. Er habe nicht die Menschen gesehen, denen Unrecht zugefügt worden sei; sie seien nur eine Nummer gewesen, aus damaliger Sicht Störenfriede.

Bei der Staatssicherheit habe ein "Kadavergehorsam" geherrscht. Es sei darum gegangen, zu funktionieren und Befehle auszuführen. Zwar habe es auch einige Mahner gegeben, die gesagt hätten: "Wir dürfen uns die Feinde nicht selber machen." "Solche Denkanstöße haben sich aber nicht durchgesetzt - leider", sagt Roth. Sicher hat es in der Vergangenheit schon Gespräche zwischen Stasi-Helfern und ihren Opfern gegeben, wie der Autor und einstige DDR-Oppositionelle Lutz Rathenow - heute Beauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen und der Dritte auf dem Podium in Gera - bestätigt. Doch meist sei dieser Austausch an der Oberfläche geblieben. Er habe das Gefühl gehabt, die Stasi-Leute hätten ihn eher darüber aushorchen wollen, was er aus den Akten wisse.

Ähnliches bestätigen Wortmeldungen aus dem Publikum. "Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es bei vielen Opfern bis heute Verletzungen gibt", ergänzt Jahn. "Dass wir hier so locker reden, das ist die Ausnahme. Viele können das noch nicht."

Die einstigen Dissidenten erwarten von den DDR-Verantwortlichen Reue und dass sie helfen, den Opfern zu helfen - etwa wenn es darum geht, das begangene Unrecht für eine Rehabilitation oder Opferrente nachzuweisen. Oder darum, Licht ins Dunkel von bis heute nicht ganz aufgeklärten Fällen zu bringen.

Einer davon ist der des Dissidenten Matthias Domaschk, der 1981 in Gera in Stasi-Haft ums Leben kam. Dazu müssten sich die Stasi-Leute von einst eingestehen, dass sie Unrecht begangen und Menschenrechte verletzt haben, betont Jahn. Dann könne ein Klima entstehen, "in dem Versöhnung möglich ist". Bisher betrieben viele jedoch vor allem Rechtfertigung und Schönfärberei.

"Das Publikum hat mit seinen Reaktionen gezeigt, dass es möglich ist, mit Stasi-Offizieren als Zeitzeugen eine Veranstaltung zu machen", resümiert Jahn. "Wir haben einiges gelernt über das Denken von Stasi-Leuten damals. Das ist ein erster Schritt."

Die Zeit sei reif für einen offenen und fairen Diskurs, sagte Jahn und fügte hinzu: "Wir werden ihnen aber keine Halbwahrheiten oder Unwahrheiten durchgehen lassen."

Zum Thema:
Mit der Aktion "Gegenschlag" zerschlug die Staatssicherheit 1983 die Opposition in Jena. Die dortige Szene war Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre eine der aktivsten in der DDR. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk spricht von einer Zen-tralachse der Opposition Berlin-Jena-Grünheide. Keimzelle in Jena war die Junge Gemeinde Stadtmitte, die 1976 massiv gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert hatte. Aus Verärgerung über den Kurs der Kirche gegenüber der Staatsmacht ging aus ihr im März 1983 die Friedensgemeinschaft Jena hervor, die ohne den Schutz der Kirche agierte. Sie verstand sich als "Solidargemeinschaft bestehend aus Christen, Atheisten, konfessionell Ungebundenen". Die Friedensaktivisten traten mit mutigen Aktionen an die Öffentlichkeit - etwa bei einer staatlichen Gedenkveranstaltung am Jahrestag der Bombardierung Jenas im Zweiten Weltkrieg. Dabei kam es zu brutalen Verhaftungen unter den Augen vieler Bürger. Zudem gelang es den Dissidenten, Medien im Westen mit Bildern und Informationen ihres Widerstandes zu versorgen. Damit zogen sie umso mehr den Zorn der Staatsgewalt auf sich, die sich schließlich ihrer entledigte. Innerhalb weniger Tage schob sie im Mai 1983 das Gros der Aktivisten nach Westdeutschland ab. Zupass kam der Stasi bei der Aktion "Gegenschlag", dass viele von ihnen Ausreiseanträge gestellt hatten. Zur Jenaer Gruppe gehörte auch der heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Ihn sperrte die Stasi im Juni 1983 gegen seinen Willen in einen Zug nach Bayern. Zwar war der Staatssicherheit so ein entscheidender Schlag gegen die Opposition in der Universitätsstadt gelungen. Einige nutzten aber ihre neu gewonnene Freiheit, um den Widerstand in der DDR von außen zu unterstützen und ihn weithin bekannt zu machen. dpa