Vor etwa einem halben Jahr sahen sich Mitarbeiter der Stasiunterlagen-Behörde, Außenstelle Frankfurt (Oder), einige Säcke und Kisten mit zerrissenen Karteikarten genauer an. Diese „vorvernichteten“ Akten erwiesen sich als besonderer Fund. Sie enthielten die gesamte „M-Kartei“ der Bezirksverwaltung Cottbus der Staatssicherheit, die Dokumentation der Kontrolle von Briefkontakten aus der Lausitz in den Westen. 10 000 bis 11 000 Einwohner des ehemaligen Bezirkes Cottbus und ihre damaligen Briefpartner im Westen sind darin erfasst. Die Einträge reichen mindestens bis Anfang der 80er-Jahre zurück.
„Da sind Leute dabei, die in anderen Registern nicht auftauchen“ , sagt der Frankfurter Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff. Etwa 7500 der mittendurch gerissenen Karten sind bereits wieder zusammengefügt. Dass die Rekonstruktion überhaupt möglich ist, verdankt die Stasiunterlagen-Behörde einem glücklichen Zufall. In die Karten waren Filmstreifen eingelegt, auf denen die kopierten Briefe, aber auch die Karteikarten selbst abgebildet waren. Die Filme lagen mit in den Säcken und Kästen.

Vernichtung zum Vertuschen
„Ohne die Filme, hätten wir nur versuchen können, die Risskanten aneinander zu legen. Da hätten wir vermutlich bald aufgegeben“ , so Sielaff. In anderen ehemaligen DDR-Bezirken, darunter auch Frankfurt (Oder), sind die Postüberwachungsakten der Staatssicherheit bis heute verschwunden. Die Postkontrolle gehörte mit zu den Akten, die das MfS bei seiner Auflösung versuchte, möglichst schnell zu vernichten. Für Sielaff gibt es keinen Zweifel, warum: „Das hatte ein solches Ausmaß, dass die Stasileute genau wussten, das gereicht uns zum Nachteil, wenn das herauskommt.“ Denn kontrolliert wurde nicht nur bei konkretem Verdacht.
Anlass zum Schnüffeln war jeder offizielle Empfänger in der Bundesrepublik, egal ob Kirche oder Behörde, jede unvollständige oder ungewöhnliche Aufschrift. „Ein Brief mit Cottbuser Absender in Berlin abgeschickt reichte aus“ , berichtet der Leiter der Stasiunterlagen-Behörde in Frankfurt (Oder), die auch die Cottbuser Stasiakten verwaltet.
„Zum Schluss war fast alles verdächtig“ , sagt Rüdiger Sielaff. Etwa 90 000 Briefe und Postkarten wurden insgesamt täglich in der DDR vom Geheimdienst kontrolliert. Dabei wurde mit Technik gearbeitet. Bedampfungsmaschinen und Drucktrockner sorgten für schnelles und vor allem unauffälliges Öffnen und Schließen der durchschnüffelten Post. Denn Geheimhaltung galt als oberster Grundsatz. Das geht aus internen Dienstanweisungen der Cottbuser Stasi-Bezirksverwaltung hervor. Maximal zwölf Stunden hatten die Geheimdienstler danach Zeit, Briefe und Karten zu kopieren. Sonst, so die Befürchtung, hätte der ungewöhnlich lange Postweg auffallen können.
Wurde ein Brief beim Öffnen beschädigt, wusste sich das MfS zu helfen. „Der wurde so weit es ging rekonstruiert, manchmal sah der dann besser aus, als zu der Zeit, in der er abgeschickt wurde“ , so Sielaff. Ein kompletter Satz gefälschter Poststempel der Bundesrepublik und Frankiermaschinen gehörten zum Handwerkszeug des DDR-Geheimdienstes.

Brief an die Oma kopiert
Durchsucht und kopiert wurden auch im früheren Bezirk Cottbus zu einem erheblichen Teil Briefe und Karten, die mit Spionageabwehr und Sicherheitsbelangen nichts zu tun hatten. „Da sind Briefe vom Enkel an die Oma dabei, Weihnachtsgrüße und Liebesbriefe“ , sagt Außenstellenleiter Sielaff. Durch nichts sei es gerechtfertigt gewesen, in einem solchen Maße das Postgeheimnis zu brechen.
„Vielleicht bekommt ja jetzt auf diesem Wege jemand doch noch einen Brief, auf den er vergeblich gewartet hat“ , sagt Rüdiger Sielaff mit Blick auf die Nutzung der zurzeit schrittweise wiederhergestellten Kartei. Es werde jedoch noch einige Monate dauern, bis alle 11 000 Karten wieder zusammengesetzt und für eine systematische Recherche geordnet seien. Erst im Frühsommer hätten deshalb Anträge dazu Zweck, so Sielaff.
Spuren hinterlassen hat in den Akten der Postkontrolle auch die Suche nach Westgeld in Briefen. Ein aufgedrucktes rotes oder blaues „K“ für „konfisziert“ auf der Rückseite mancher Karteikarte und Vermerke über D-Mark-Beträge dokumentieren, wo die Stasi zugegriffen hat. Das, so erzählt Außenstellenleiter Sielaff, klappte jedoch nicht immer. Ein Brief mit 3000 Westmark musste aus der Lausitz nach Westberlin zurückgeschickt werden, weil die Absenderin ihn als „Wertsendung“ aufgegeben hatte. Der Verlust wäre aufgefallen. Das tiefe Bedauern der Cottbuser Stasi darüber ist in einem erhalten gebliebenen Vermerk aktenkundig.
Die Cottbuser Postkartei muss nicht der letzte überraschende Fund in den nur noch zerrissen aufgefundenen Stasiakten bleiben. 1460 Säcke mit großen und kleinen Papierstücken aus den MfS-Dienststellen der Bezirke Cottbus und Frankfurt (Oder), die 1989 gerettet wurden, wurden bisher noch nicht gründlich gesichtet.