Knapp 19 Jahre nach der Wende lassen jetzt zwei Wirte in der Berliner Normannenstraße ganz ungeniert die Stasi auferstehen. Papierschnipsel in einer Tüte, die eine geschredderte Akte symbolisieren sollen, gehören ebenso zur Dekoration wie eine DDR-Fahne hinter dem Tresen. Auch der Kneipenname ist mit Bedacht gewählt: In der DDR-Bevölkerung wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) häufig "die Firma" genannt. Dass die Stasi-Kneipe ausgerechnet in derselben Straße aufmachte, wo das DDR-Spitzelministerium saß, sorgt für Kontroversen. Bei Opferverbänden nur wenige Hundert Meter weiter macht sich Hilflosigkeit breit.
"Diese Verharmlosung der Stasi ist unfassbar", empört sich Theodor Mittrup von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft. Der Verein sitzt in der früheren Zentrale von Stasi-Chef Erich Mielke in Sichtweite der neuen "Firma". Denen, die von dem DDR-Geheimdienst eingesperrt wurden, bleibe das Lachen im Halse stecken.
Es klingt verbittert, als er sagt: "Wir können als Verein die gesellschaftliche Entwicklung nicht ändern, wir können uns nur zu Wort melden." Vielleicht gehe der Verein zu den Wirten und berichte von den Nöten der Opfer, sagt Mittrup. "Aber einen Plan haben wir noch nicht." Der Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, zeigt sich erschrocken über den "völligen Mangel an Sensibilität. Das Versagen der Politik wird deutlich. Die Opfer der SED-Diktatur brauchen einen gesetzlichen Schutz vor Verhöhnung." Dies sei bislang nicht zustandegekommen.
Die Wirte Wilfried Gau und Wolfgang Schmelz ficht die Kritik nicht an. "Das Ganze ist kein Scherz, sondern satirischer Ernst", sagt der 60-jährige Gau mit Ost-Biografie, der aber kein IM gewesen sei. Die Stasi werde zu Unrecht kriminalisiert - aber glorifizieren wolle er den Apparat nicht. "Die Staatssicherheit war im Endeffekt ein Geheimdienst genau wie der BND oder der Mossad."
Partner Schmelz aus dem Westen betrachtet die Kneipengründung eher aus wirtschaftlicher Perspektive. "Das ist kein Stasi-Treff, Leute aus der Nachbarschaft trinken hier ihr Bier und reden ganz normal über Frauen und Fußball", sagt der 53-Jährige. Ringsum im Stadtteil Lichtenberg wohnen noch immer frühere Stasi-Mitarbeiter. In dem Gastraum wird erregt diskutiert. Eine 78-Jährige verteidigt sich: "Ich war nicht bei der Stasi, nur weil ich hier wohne." Ein 33-jähriger Ostdeutscher, der seinen Namen nicht nennen will, sagt: "Die Stasi kann man nicht schönreden." Die Wirte komplimentieren den Mann nach dem dritten Bier hinaus - weil er die Gäste belästige.