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Start mit Hindernissen – doch die Welt wird erobert

Dipl. med. Jost Kluttig bei der Untersuchung einer Schwangeren.
Dipl. med. Jost Kluttig bei der Untersuchung einer Schwangeren. FOTO: Lausitz-Klinik
Forst. Das Team der Entbindungsstation der Lausitz-Klinik Forst freut sich über ein unverhofftes Wiedersehen. Die kleine Emily aus Cottbus hüpft nach schwierigem Anfang durchs Leben. Theresa Decker und Ida Kretzschmar

Mehr als 477 Kinder erblickten allein im vergangenen Jahr auf der Forster Entbindungsstation das Licht der Welt. Rechnet man die vergangenen 20 Jahre zusammen, summieren sich eine Menge neue Erdenbürger, die Jost Kluttig begrüßt hat - kaum möglich, sie alle im Auge zu behalten, so bewegend dieser Moment auch für ihn und sein Team immer wieder ist. An eine Familie aber wurde der Leitende Oberarzt, der durch seine Fachkompetenz und freundliche Art wesentlich zum Erfolg der Geburtsstation an der Lausitz Klinik Forst beiträgt, Anfang dieses Jahres nachdrücklich erinnert.

Januar 2017. Eine junge Frau mit großem Bauch stellt sich auf der Station vor. Wehen! Ja, schon regelmäßig, zunehmend kräftig und schmerzhaft. Aber da ist auch die Freude, das ersehnte Baby bald im Arm zu halten. Wie immer mischt sich diese Vorfreude mit etwas Angst vor dem Unbekannten, dem Schicksalhaften der Geburt. Zumindest ist da Respekt zu spüren, verbunden mit der Hoffnung, die Strapaze Geburt auch möglichst gut durchzustehen. "Aber diese Cottbuserin plagte auch in besonderer Weise eine Sorge: Wird mein Kind gesund sein? Und so wie sie darüber ins Reden kommt, erinnern wir uns wieder deutlich", erzählt Jost Kluttig.

Es war im November vor vier Jahren: Die 26-jährige Frau R. ist das erste Mal schwanger. Voller Vorfreude wartet sie auf ihr erstes Kind. Sie ist schon zehn Tage über den Termin hinaus. "Nach bislang unkompliziertem Schwangerschaftsverlauf besprachen und planten wir die Geburts-Einleitung", erinnert sich der Oberarzt. Unter Überwachung sollte ein Wehen auslösendes Medikament in der Klinik die natürliche Geburt in Gang setzen. Ein Anstupser sozusagen.

Alles läuft nach Plan, bis die kleine Emily am frühen Nachmittag geboren wird. Fit ist sie und kräftig. 3440 Gramm, sagt die Waage. Sie schreit laut und stark Auch die Umschlingung der Nabelschnur um den Hals hat sie nicht beeinträchtigt. Das ist deutlich zu hören. Dennoch beunruhigte Blicke bei Hebamme und Arzt - das rechte Beinchen sieht seltsam aus, verkürzt, fehlgebildet. "Keiner ahnte im Vorfeld etwas davon, obwohl wir im ,Ul traschallzeitalter' doch so vieles vorher schon erkennen können. Ein richtiger Schock also, vor allem für die Eltern", weiß Jost Kluttig: "Das Baby selbst unbeeindruckt - nichts, was seine Anpassung ans abgenabelte Leben stören würde."

Wie alle Neugeborenen wird es von Hebamme und Arzt gründlich untersucht. Das Befinden der Neugeborenen ist perfekt - wäre da nicht das Beinchen. Dennoch wendet sich nichts ins Dramatische. Die Ärzte, Schwestern und Hebammen besinnen sich einfach auf den Kern ihrer Arbeit, anderen zu helfen.

"Und so bedeutet praktisch zu denken, nun erst einmal in Ruhe eine exakte Diagnose zu stellen", sagt der Oberarzt. Röntgen, Kinderarzt, der regelmäßig mit der Entbindungsstation kooperierende Orthopäde aus Cottbus wird hinzugezogen. "Und dann war schnell klar, dass einer der Unterschenkelknochen gänzlich fehlt, auch das Schienbein verkürzt und unvollständig ausgebildet ist - in der Fachsprache eine fibulare Hemimelie", so Jost Kluttig.

Eile hilft nun nicht. Das weitere Vorgehen muss gut durchdacht sein, für so eine seltene Sache heißt es, die richtigen Ansprechpartner und Fachleute mit spezifischer Erfahrung zu finden.

Emily lässt sich von alldem erstmal nicht beeindrucken. Sie beginnt ihr Leben ganz entspannt mit ihrer Mutter in der Lausitz Klinik, es sind unkomplizierte und ruhige Tage auf der Geburtenstation für Mutter und Kind.

Es gibt Zeit und Raum, die Gedanken und Ängste zu besprechen, sich der Situation zu stellen. Auch da sind Hebammen und Ärzte gefordert. Bange Fragen beschäftigen alle: Wird das kleine Mädchen laufen, wird sie einmal tanzen können?

Nach wenigen Tagen geht es erst einmal nach Hause. "Unsere kooperierenden Orthopäden aus der Cottbuser Schwanstraße vermittelten die kleine Patientin über die orthopädische Klinik im CTK Cottbus letztlich nach Berlin", weiß Jost Kluttig. Keine komplizierten Operationen sind auszustehen. Die kleine Emily, so erzählte es die Mutter, bekommt schrittweise "mitwachsende" Orthesen, die dem Mädchen von Anfang an freie Bewegung ermöglichen und sie nicht vom Spiel mit Gleichaltrigen ausschließen.

Januar 2017. Die Wehen werden noch stärker. 17.30 Uhr ist es, als Frau R. ihr zweites Kind auf die Welt bringt, ein Junge und diesmal sogar 3870 Gramm schwer! Wieder mit Nabelschnur um den Hals, was ihn offenbar auch nicht stört. Und augenscheinlich völlig gesund und bei der ersten Vorsorge-Untersuchung topfit. Da fällt allen ein Stein vom Herzen, natürlich.

Am nächsten Tag dann der große Augenblick. Papa bringt die große Schwester mit, die schon ganz neugierig auf den kleinen William ist und dann mit großen Augen den kernigen kleinen Kerl bewundert. Mal anfassen, streicheln, vielleicht sogar auf dem Arm halten?

Minuten später ist der Kleine nicht mehr ganz so interessant. Hüpfen auf Muttis federnder Matratze macht hingegen Riesen-Spaß: "Und so sehen wir sie dann auch, ein bisschen schüchtern, als sie uns ihr Füßchen präsentieren soll, glücklich, als sie weiter hüpfen und rennen darf, als ob es das Normalste der Welt ist", sagt Jost Kluttig. Und so behalten er und sein Team sie auch in Erinnerung, als sie nach zwei Tagen dann Mutti und Brüderchen nach Hause abholt, ein glückliches kleines Mädchen, das beim Erwachsenwerden und -sein sicher immer wieder mit Einschränkungen zu kämpfen haben wird, aber gewiss voller Hoffnung ihr Leben meistern kann.

Zum Thema:
Orthese (aus griechisch "aufrecht", analog zu Prothese gebildetes Kunstwort) ist ein medizinisches Hilfsmittel, das zur Stabilisierung, Entlastung, Ruhigstellung, Führung oder Korrektur von Gliedmaßen oder des Rumpfes eingesetzt wird und industriell oder durch einen Orthopädietechniker oder Orthopädieschuhtechniker auf ärztliche Verordnung hin hergestellt wird.