So einfach wird ein deutscher Länderchef nicht zum Staatsoberhaupt Polens vorgelassen. Der Erste, dem diese Ehre zuteil wird, heißt Stanislaw Tillich (CDU). Dass der am Dienstag eine Dreiviertelstunde lang im Warschauer Präsidentenpalast vorsprechen durfte, hat auch Sympathiegründe. "Zuletzt hat er mich umarmt", berichtete Sachsens Premier hinterher.

Bei den Leipziger Feierlichkeiten zu 25 Jahren Friedliche Revolution im Herbst hatten sich Tillich und Komorowski so prächtig verstanden, dass der gleich eine Einladung aussprach. Und der Vorfrühling ist eine gute Zeit für Besuche.

Zumal die deutsch-polnischen Nachbarschaftsverhältnisse derzeit prächtig gedeihen. Auf allen Ebenen, von der Wirtschaft bis in Städte und Schulen, werden grenzübergreifende Partnerschaften gepflegt. Polen, das Land mit dem größten Wirtschaftswachstum Europas, ist für Sachsen einer der wichtigsten Handelspartner. "Keine wirklichen Probleme" kann der deutsche Botschafter in Warschau, Rolf Nikel, derzeit erkennen, "aber große gemeinsame Herausforderungen."

Und so war auch Tillichs Besuch bei dem polnischen Präsidenten durchdrungen vom Thema Ukrainekrise. Man sei sich einig darin, dass "ein Bruch internationalen Rechts nicht hingenommen werden" könne, erklärte der Ministerpräsident nach dem Gespräch hinter verschlossenen Türen.

Komorowski will Anfang Mai wiedergewählt werden. Der 62-Jährige ist beliebt, die Leute nennen ihn "Onkel Bronek". Seine liberal-konservative Bürgerplattform (PO) steht deutlich besser im Saft als die Konkurrenz. Die sich zudem eher auf die Parlamentswahlen konzentriert, denn im Herbst wird auch der Sejm neu gewählt.

Tillichs dreitägige Polen-Reise dient indes nicht nur der Beziehungspflege. Es geht auch um die Zusammenarbeit der Polizei in der Grenznähe. Einen entsprechenden Polizeivertrag haben Deutschland und Polen bereits im Mai 2014 in Görlitz unterschrieben. Mitte dieses Jahres soll er in Kraft treten. "Die Grenze darf Kriminellen nicht als Fluchtpunkt dienen", sagte Tillich nach seiner Visite beim Innenstaatssekretär Piotr Stachanczyk.

Im Kampf gegen Crystal Meth gibt es Bewegung auf der polnischen Seite. Die Grundsubstanzen der Droge sollen hier fast nur noch für medizinische Zwecke gekauft werden dürfen. Ein entsprechendes Gesetz ist in Arbeit.

Über die Zukunft der Bahnlinie Dresden-Wroclaw habe man "sehr intensiv debattiert", sagte Stachanczyk. Die polnische Seite hatte den Regionalverkehr auf der Strecke kürzlich eingestellt, wegen sinkender Nachfrage. "2010 hatten wir dort noch 200 Fahrgäste pro Zug", zählte Innenstaatssekretär Stachanczyk vor, "2015 sind es nur noch 100."

Tillich indes sieht die Strecke eher als wichtigen Bestandteil eines zukunftsträchtigen europä ischen Verkehrskorridors. Wovon sich immerhin die polnische Superministerin für Infrastruktur und Entwicklung, Maria Wasiak, überzeugen ließ. Sie will einen Staatssekretär einspannen, der die Chancen der Bahnlinie ausloten soll. Ob dort in absehbarer Zeit wenigstens Nahverkehrszüge fahren, klären derzeit die regionalen Verkehrsverbände beiderseits der Grenze.

Doch mit einem Staatspräsidenten redet man nicht über eine Bahnlinie. Da ging es um Größeres, wie die deutsch-polnische Geschichte. Da hatten sich der Pole Komorowski und der Sorbe Tillich viel zu erzählen. Dass der Gast aus Dresden nun auch noch Stanislaw heißt, dürfte die Sympathie durchaus verstärkt haben.